Dem Himmel ganz nah - Tour du Ciel


Publiziert von danski , 26. April 2017 um 20:50.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Mittelwallis
Tour Datum:18 April 2017
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Ski Schwierigkeit: S
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 5 Tage
Aufstieg: 5100 m
Abstieg: 5700 m
Strecke:1.Etappe: Zermatt Schwarzsee - Schönbielhütte, 2. Etappe: Schönbielhütte - Mont Durant - Col Durand - Cab. du Mountet, 3. Etappe: Cab. du Mountet - Arête du Blanc - Blanc de Moming - Cab. d'Arpitetta, 4. Etappe: Cab. d'Arpitetta - Col du Milon - Cab. de Tracuit - Bishorn (Versuch), 5. Etappe: Cab. de Tracuit - Turtmannhütte - Pipjilicke - Jungtaljoch - Jungen
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV bis Zermatt
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV ab St. Niklaus
Unterkunftmöglichkeiten:Schönbielhütte Cabanne du Mountet Cabanne d'Arpitetta Cabanne de Tracuit Turtmannhütte

Tour du Ciel, klang in meinen Ohren recht gemütlich und gleichzeitig genussvoll. Warum mal nicht ein paar Gänge runterschalten und ohne grosse Ambitionen durch eine beeindruckende und punkto Wildheit kaum zu überbietende Gebirgslandschaft wandeln? Was man alles auf dem Weg von Zermatt nach Jungu erleben kann, hat mich dann doch überrascht und ich muss eingestehen, auch ohne allzu grosse Herausforderungen ist diese Durchschreitung ist ein absolutes Highlight!

Tag 1: Zermatt Schwarzsee - Schönbiel

Der Beginn ist tatsächlich recht gemütlich. Nach 3-stündiger Zugfahrt entschweben wir der zu dieser Jahreszeit asiatisch anmutenden Gebirgsmetropole Zermatt. Es liegt wenig Schnee, daran besteht kein Zweifel. Selbst das Matterhorn präsentiert sich im Sommer oft weisser. Nach einer kurzen Abfahrt von der Station Schwarzsee schultern wir bei der Pumpstation Stafel die Skis und erklimmen auf aperem Fahrweg die nördliche Moräne des Zmuttgletschers. Angenehm, dass rechts des Moränenkamms wieder genug Schnee liegt, um per Skis voranzukommen. Bei Hohle Bielen studieren wir den morgigen Aufstieg Richtung Col Durand. Eine schneegefüllte Rinne erlaubt die Überwindung der unteren und fast komplett aperen 300HM. Das würde also ein warm-up geben am kommenden Morgen. Mit kurzen Ausnahmen erreichen wir die traumhaft gelegene Schönbielhütte auf Schnee. Mittlerweile dürften sich die Tragstrecken merklich verlängert haben. Ein kalter Wind lässt die Walliser Flagge nervös flattern, während das Matterhorn mit Zmuttgrat in stoischer Ruhe den noch intensiveren Höhenwinden trotzt. Die weniger hohe, aber mindestens so beeindruckende Dent d'Hérens zeigt uns ihr kaltes, nördliches Gesicht. Gerade mal 13 Skitouristen verbringen die Nacht in der Hütte. So mag ich das. Es wird eine erholsame Nacht und die Vrofreude auf die kommende 2. Etappe ist ungetrübt.

2. Etappe: Schönbielhütte - Cabanne du Mountet

Wir starten um humane 07:30 mit einer etwas holprigen Abfahrt bis kurz vor Hohle Bielen, schnallen die Steigeisen an und binden die Skis auf. Das am Vortag erspähte Couloir ist nicht besonders steil, doch die Sonne brennt schon gnadenlos auf uns hernieder, was auch der Schnee zu spüren bekommt. Viel später will man hier nicht unterwegs sein. Nach ca. 350 schnellen HM und einigem Flüssigkeitsverlust kommen die Skis in den Schnee. Auf griffigem Schnee ziehen wir links des Hohwänggletschers hoch. Die Séracs sehen zwar verhältnismässig stabil aus und es liegen kaum Eisbrocken in der Falllinie, trauen sollte man einem solche eisigen Gesellen aber auch nicht allzu sehr. Nach einer Steilstelle erreichen wir das ausgedehnte Gletscherplateau, das östlich vom Mont Durand abgeschlossen wird. Wir halten nun auf die kurze, aber ziemlich steile SW-Flanke des Durand zu. Diese überwinden wir mit Steigeisen und aufgebundenen Skis. Nur noch wenige Höhenmeter und ein einfacher Grat trennen uns vom höchsten Punkt. Rundherum geben aber die wahren Giganten den Ton an. Allen voran die Dent Blanche gefolgt vom Obergabelhorn, das uns seinen eleganten Arbengrat zeigt. Gerne lässt man sich davon für den kommenden Sommer inspirieren. Wir rasten und geniessen das atemberaubende Panorama bei perfektem Wetter. Die über 45° steile und harte SW-Flanke erfordert unsere Konzentration und macht Lust auf mehr von dieser Steilheit. Wir sollten uns vorerst damit begnügen. Um auf den Col Durand zu gelangen, kommen wir nicht um einen erneuten Fellaufstieg herum. Die Abfahrt vom Pass präsentiert sich zahm aber eindrücklich. Von dieser Seite zeigt uns der Mont Durand seine abweisende NW-Wand, ganz zu schweigen vom Obergabelhorn. Ein Wiederaufstieg zur Mountet Hütte in der Hitze des Nachmittags bleibt uns nicht erspart. Aussichtsmässig ist auch diese hochalpine Unterkunft ein Juwel. Bei einem kühlen Panache schauen wir "fern", wie sich an der Dent Blanche im Minutentakt neue Wolkenspiele entwickeln. Vorboten für den angekündigten Wetterwechsel?

3. Etappe: Cabanne du Mountet -  Cabanne d'Arpitetta

Bei Tagesanbruch verlassen wir die Hütte in Richtung Glacier du Mountet und tatsächlich, die hohen Berge ringsherum präsentieren sich wolkenverhüllt. Der Aufstieg zur Arête du Blanc, P. 3732m ist monoton, doch dies sollte sich schlagartig ändern. Kaum haben wir Steigeisen montiert und Skis aufgebunden, betreten wir die Arête. Huch, was sich harmlos anhört, ist in Tat und Wahrheit ein messerscharfer Grat mit gehörig Exposition! Kaum vorzustellen, dass Jeremy Heitz zum Auftakt seiner "La Liste" hier mit gut und gerne 100 Sachen von der Épaule runtergeschossen ist! Mir läufts beim Anblick der momentanen Verhältnissen mit viel Blankeis kalt den Rücken hinunter. Doch die Konzentration gilt nun dem Grat, auf dessen Schneide man auf einer stellenweise kaum zwei Fuss breiten aber guten Spur folgt. Der Abstieg vom P. 3679m beinhaltet eine kurze, einfache aber ziemlich exponierte Abkletterstelle. Danach gehts weiter auf diesem perfekten Catwalk, der bei den herrschenden Verhältnissen durchaus genussvoll zu begehen ist. Ein kurzer Gegenaufstieg leitet zum Dôme des Blanc de Moming über. Wir beobachten, wie andere Gruppen über den Grat balancieren. Eine weitere Gruppe schleicht den weniger exponierten und kürzeren Südgrat hoch. Nach einer gefühlten Ewigkeit auf dem Dôme wollen wir wieder mal richtig gut skifahren und das verspricht die Abfahrt über den Glacier de Moming. An tiefen Löchern und haushohen Séracs folgen wir den Spuren und finden immer wieder Abschnitte mit gutem Pulver. Auf rund 2800m biegen wir rechts ab und gelangen zur Moränenlandschaft unterhalb der Cabanne d'Arpitetta. Wir fellen an und legen die Höhenmeter zur Hütte rasch zurück. Zwei topmotivierte Hüttenwarts-Paare lassen den Aufenthalt in dieser gemütlichen und sanft umgebauten Hütte zu einem Erlebnis werden. Wir spielen stundenlang Monopoly während draussen allmählich Flocken zu tanzen beginnen. Selten so gut geschlafen in einer Hütte!

4. Etappe: Cabanne d'Arpitetta - Cabanne de Tracuit - Bishorn

In der Zwischenzeit haben wir eine Planänderung besprochen, die folgendes vorsah: Anstatt bloss auf die Tracuit Hütte zu marschieren wollten wir gleich noch das Bishorn mitnehmen und dann via Jungu zurück ins Mattertal anstatt die Reise in Zinal zu beenden. Wir teilen den Plan mit zwei Bayern, die uns von nun an in loser Bande begleiten. Der Morgen ist grandios! Wenig Neuschnee gepaart mit Wolkenspielen und Sonnenlicht generiert eine magische Bergszenerie, die uns zum Col de Milon begleitet. Dieser entpuppt sich als einfach und nach einer kurzen, aber erstaunlich guten Abfahrt befinden wir uns schon wieder im Aufstiegsmodus zur Cabanna de Tracuit. Leider verdichten sich die Anzeichen mit Wind und mehr Wolken für eine Wetterverschlechterung im Tagesverlauf. Als wir die Tracuit hütte um etwas nach 10:00 erreichen, kehren die ersten vom Bishorn zurück. Alle sehen sie recht durchgefroren aus. Es sei sehr windig auf dem gesamten Aufstieg. Wir warten zuerst einmal ab und genehmigen uns ein zweites, reichhaltiges Frühstück in der spektakulären und gelungenen Hütte. Am Mittag hält uns nichts mehr in der Hütte und wir beschliessen, einen Gipfelversuch zu starten. Zügig kommen wir voran. Die Wetterverschlechterung tut es uns leider gleich. Auf 3800m nebelt es uns immer wieder ein und der Wind nimmt an Stärke zu. Es wäre unvernünftig weiterzugehen, denn man kann sich hier durchaus verlieren im whiteout, ganz zu schweigen von einigen fiesen Löchern. Die Abfahrt ist ab 3700m dann gar nicht mal so schlecht. Viel zu früh sind wir wieder zurück bei der Hütte. Was tun? Monopoly! Eine antiquierte Edition lässt uns zu Eisenbahn- oder Immobilien Tycoons à la Donald Trump aufsteigen. Eine angenehme Nacht wird es, während draussen unablässig der Wind tobt.

5. Etappe: Cabanne de Tracuit - Jungu

Wir sind ganz froh, dass wir heute nicht auf das sturmumtoste Bishorn müssen und uns erst um 06:30 aus den Decken schälen. Im nun friedlichen Esssaal geniessen wir die fantastische, fast unwirklich erscheinende Aussicht während wir uns Zeit für das Frühstück genehmigen. Doch auch wir sollten uns nicht allzu sehr zurücklehnen, denn die Traverse nach Jungu via Turtmannhütte hat es mit einigen Gegenanstiegen und viel Distanz in sich. Der erste Abschnitt unserer finalen Etappe könnte besser kaum sein. Wir geniessen im Licht der Morgensonne eine unverhofft gute Abfahrt über den Turtmanngletscher. Es hat sich über Nacht und mit dem Wind doch einiges an Triebschnee kumuliert, den wir beim Wiederaufstieg über den Brunegggletscher kritisch hinterfragen müssen. Die rechte Seitenmoräne des Bruneggletschers erreichen wir bei P. 2941m. Wir entscheiden uns via Gässi zur Hütte abzufahren. Hart und griffig präsentiert sich diese Engnis. Hier ist durchaus Konzentration gefragt, wenn auch nur kurz. Bei der Turtmannhütte legen wir eine kurze Pause ein, denn eine Stärkung für die Überwindung der Pipjilicke ist angezeigt. Das Pipjitälli zieht sich etwas in die Länge, bevor eine ziemlich steile Spur direkt in die Einsattelung der Pipjilicke führt. Auf der anderen Seite laden Pulverhänge zu einer weiteren Abfahrt. Die Gegend hier erscheint uns trotz einiger Spuren als ziemlich einsam. Ein letzter Aufstieg mit finaler Portage bringt uns auf das Jungtaljoch. Was nun folgt, übertrifft unsere Erwartungen bei weitem und setzt einen würdigen Schlusspunkt unserer Himmelstour: Eine Pulverabfahrt fast unterbruchslos bis zur Alp Jungtal! Der Fussabstieg nach Jungu im Anschluss ist der reinste Spaziergang. Für den Nervenkitzel des Tages sorgen aber weder steile Abfahrten noch Glescherspalten, sondern die Jungu-Seilbahn. Mit Böenspitzen von über 50 km/h schaukeln wir in der kleinen Gondel über eine schwindelerregende Schlucht nach Sankt Niklaus. Ein adäquater Abschluss unserer Tour du Ciel!

Tourengänger: danski


Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentar hinzufügen»