Wildspitze, 3770m - eine Ski-Rundtour


Publiziert von Linard03 Pro , 6. April 2017 um 05:32.

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Ötztaler Alpen
Tour Datum: 2 April 2017
Ski Schwierigkeit: ZS
Wegpunkte:
Geo-Tags: A   A-T 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 2220 m
Abstieg: 1775 m
Strecke:ca. 29km: Vent - Vernagthütte - Brochkogeljoch - Wildspitze - Klettersteig Mitterkarjoch - Breslauerhütte - Vent
Zufahrt zum Ausgangspunkt:per Bus oder PW bis Vent

Der Gipfel der Wildspitze verliert auf den höchsten Österreicher (Grossglockner) lediglich 28m – und ist damit auch der Zweithöchste im Lande. Vermutlich deshalb zählt die Wildspitze zu den meistbesuchten Bergen Österreichs. Ob die Wildspitze eher ein Sommer- oder ein Skigipfel ist, bleibe mal dahingestellt (auf Hikr gibt’s kaum Skiberichte). Mich reizte jedenfalls die Skitour – und es sollte eine grossartige Tour werden.
 
Tag 1 – Hüttenzustieg
Zu unchristlicher Zeit musste ich losfahren, denn das Ötztal liegt auch nicht gerade um die Ecke. Um ca. 8.30 Uhr erreichte ich schliesslich Vent, unseren Ausgangspunkt für die Tour. Der Parkplatz bei der Sesselbahn war schon beinahe voll; es war also einiges los an diesem Wochenende.
Wir waren sechs Teilnehmer plus Bergführer; eine sehr gut harmonierende, homogene Truppe, wie sich herausstellen sollte (ist ja auch nicht selbstverständlich …). 
 
Es lag erstaunlich wenig Schnee und so war es denn auch keine grosse Überraschung, als uns der BF eröffnete, wir würden erst mal zu Fuss gehen – ca. 2 Std. (!) klang allerdings eher nach einer Wanderung … Ich bin mir solch‘ schweren Rucksack nicht mehr gewohnt, die ganze Ausrüstung (inkl. Steigeisen, Pickel, etc.) plus Ski’s und Schuhe am Rucksack reisst ganz ordentlich an den Schultern …
 
Bis ca. 2500m gab’s kaum Schnee, es war dann deshalb eine Erlösung, zumindest mal für eine kurze Passage die Ski’s anschnallen zu dürfen. Ein erstes Highlight war dann, als wir einen Bartgeier ganz aus der Nähe bewundern durften, wie er die Thermik ausnützte (wie ging das nochmal, einen Greifvogel im Flug zu fotografieren …?)
Weitere Portagen folgten, bis wir den Schlusshang nochmals per Ski’s in Angriff nehmen konnten. Dieser Hang war etwas steiler und es wurde noch zäh bis zur Vernagthütte (2755m), welche wir nach ca. 4 Std. erreichten.
 
Die Hütte ist gross und gut eingerichtet. Lediglich die Zimmerwände sind derart dünn, dass man meint, jemand stehe im Zimmer, obwohl die Person zwei Zimmer weiter spricht …
Der lange Nachmittag verging wie im Flug; eine Runde „Mensch ärgere Dich nicht“ trug viel zur Erheiterung bei ;-). Ein frisch zubereiteter Apfelstrudel mit Vanilleeis half zudem über den gröbsten Hunger hinweg ;-)).
Mit 90 Personen war die Hütte sehr gut ausgelastet (es fanden einige Ausbildungskurse statt), aber bestens organisiert. Das Nachtessen war ausgezeichnet; zudem gab’s Tellerservice! Kennt man in unseren Hütten nicht (zumindest habe ich das bei uns noch nicht gesehen) …
 
Unangenehme bzw. ungewohnte Erfahrungen machte ich an diesem Wochenende: bereits bei Ankunft Hütte hatte ich etwas Kopfschmerzen (habe ich sonst eigentlich nie in unseren Breitengraden – oder lag’s am Föhn?). Dann hatte ich auch noch Durchfall (woher bloss?), dazu kam noch eine Blase (hatte ich bei Skitouren noch nie); das kann ja heiter werden … Leider sollten sich die kleinen, aber lästigen Unannehmlichkeiten am nächsten Tag fortsetzen …
 
Nach einem lustigen Abend folgte eine relativ angenehme Nacht, wobei man jeweils fast zwangsläufig aufwachte, sobald jemand aufstand, an der Tür vorbeiging und somit auch das Licht anging …
 
Tag 2 – Aufstieg zur Wildspitze
Ich wachte zunächst abermals mit Kopfschmerzen auf, welche aber zum Glück bald wieder verschwanden. Frühstück war um 6 Uhr, früher ging nicht, obwohl unser BF eigentlich um 6 Uhr losgehen wollte.
Wir waren dann aber die ersten beim Frühstück und konnten schliesslich doch bereits um ca. 6.30 Uhr losgehen. Somit waren die Stirnlampen nicht mehr notwendig. Es war zwar frisch, aber nicht zu kalt.
 
Nach einem ersten, kurzen Aufstieg auf die Moräne kam auch bereits die erste Abfahrt, um auf die andere Talseite zu gelangen. Natürlich war das für den BF die Gelegenheit zu beobachten, wie die Teilnehmer Skifahren können … Der Hang war nicht allzu steil, die Unterlage hart, aber griffig. Die Ersten fuhren gekonnt mit wenigen Schwüngen ab, als ich an der Reihe war: nach den ersten Metern merkte ich, dass ich Depp die Schuhe nicht auf „Abfahrt“ umgestellt hatte und somit überhaupt keinen Halt in den Schuhen hatte (wie peinlich!)  … Ich fuhr deshalb wie ein Anfänger hinunter– der BF muss sich wohl das Seine gedacht haben (z.B. „Mist, doch noch ein Anfänger in der Gruppe …“), weshalb ich ihn aufklärte, dass ich mit Schuhen, welche nicht auf Laufmodus eingestellt seien, durchaus besser fahren könnte … ;-).
 
Nun hiess es also wieder Anfellen und wir stiegen in gutem Rhythmus an, während die umliegenden Berge von der Morgensonne angestrahlt wurden. Nach einer längeren Strecke in wenig steilem Gelände auf dem kleinen Vernagtferner folgte eine Steilstufe, welche mit geschulterten Ski’s (schon wieder – aber nicht das letzte Mal heute …) und Steigeisen bewältigt werden musste. Schliesslich erreichten wir so das Brochkogeljoch (3423m), wo wir eine Pause einlegten und uns anseilten.
 
Der unangenehme Wind war heute ein ständiger Begleiter, zudem zog es jetzt langsam zu, während wir unterhalb des Hinteren Brochkogels querten. Schliesslich erreichten wir den Fuss der Wildspitze, wo eine Zweierseilschaft die Harscheisen montierten. Sicher nicht die schlechteste Entscheidung, denn der nun folgende Aufstieg durch die Eisabbrüche war nicht ohne: teilweise steil, v.a. jedoch ziemlich eisig und somit rutschig in den Schräghang-Passagen.
 
Das kostete mitunter etwas Kraft und war mühsam. Inzwischen standen wir im dichten Nebel und man hatte somit überhaupt keine Orientierung mehr (Hauptsache, der BF hatte sie …). Während des ganzen Aufstiegs hielten leider die Unannehmlichkeiten des Vortages an: leichte Kopfschmerzen, etwas Übelkeit; sogar leichter Schwindel. Bei eiskaltem und zügigem Wind erreichten wir die Felsen des Gipfelaufbaus.
 
Ski’s ab und Steigeisen an. Ich fühlte mich zwar mittlerweile ziemlich platt und geschwächt; so kurz vor dem Ziel wollte ich aber natürlich nicht aufgeben. Zudem wäre es sowieso zu kalt gewesen, rumzustehen und auf die anderen zu warten. Plötzlich riss es auf und die Chance auf etwas Sicht auf dem Gipfel stieg an. Der Aufstieg zum Gipfelkreuz ist nicht weiter schwierig. Allerdings birgt die kurze, etwas ausgesetzte Querung kurz unterhalb des Gipfels ein gewisses Staupotential …
 
Schliesslich erreichten wir die Wildspitze (3770m) nach ca. 5 Std. Aufstieg. Und tatsächlich: zumindest nordseitig riss es voll auf, auch auf den Verbindungsgrat zum etwas niedrigeren Nordgipfel erhaschten wir einen Blick. Grossartiges Panorama, auch wenn wir dieses nicht vollumfänglich zu Gesicht bekamen!
Nach ein paar Fotos stiegen wir auch schon wieder ab, es war zu kalt und zu windig hier oben. Mittlerweile sichteten wir ganze Karawanen, welche sich auf die Wildspitze zu bewegten. Dies merkten wir auch im Felsabstieg, denn das Kreuzen war mitunter etwas mühsam. Insbesondere deshalb, weil eine Gruppe am Seil ging und dieses eine Seile dann alle anderen behinderten (ok, war keine Kritik - safety first …).
 
Zurück beim Skidepot hiess es auf Abfahrt umrüsten. Wir fuhren ein kurzes Stück ab, querten dann aber hinüber zum Mitterkarjoch (3470m). Nun folgte (aus meiner Sicht) die Schlüsselstelle der ganzen Tour: der BF prüfte diverse Abstiegsmöglichkeiten und entschied sich dann für den Klettersteig. Ski’s abermals buckeln (zum letzten Mal!), Steigeisen an und los gings. Das Stahlseil war an mehreren Stellen noch unter dem Schnee vergraben, weshalb zunächst eine etwas ausgesetzte Querung folgte, bevor wir uns mittels Bandschlinge einhängen konnten. So stiegen wir einer um den anderen ab, wobei wir zusätzlich am Seil des BF gesichert waren.
 
Die Ski’s am Rucksack waren zwar etwas lästig, da sie dann und wann an den Felsen in die Quere kamen. Insgesamt war der Abstieg aber gut zu meistern. Anschliessend folgte im steilen Couloir der weitere Abstieg rückwärts, wobei hier ein Pickel angenehm gewesen wäre (allerdings waren gute Stufen vorhanden). Als sich unsere Seilschaft mitten im Couloir befand, kamen von oben drei Skifahrer; war grad etwas ungünstig … Zum Glück fuhren sie nicht in unser Seil, sondern warteten dann (gezwungenermassen), bis wir alle auf der anderen Seite waren. Wobei „fahren“ es nicht wirklich beschreibt: rumspringen und abrutschen würde schon eher zutreffen …
 
Wir benötigten für diesen Abstieg ziemlich viel Zeit, aber endlich erreichten wir ein Gelände, wo wir unsere Ski’s anschnallen konnten. Von Fahren konnte jetzt aber auch nicht die Rede sein: die Unterlage war pickelhart und derart zerfurcht, dass sämtliche Knochen durchgerattert wurden – nicht wirklich schön und zudem kräftezehrend. Von nun an hiess es, das Gelände und die wenigen Schneevorkommen optimal auszunützen.
 
Wenigstens wurde uns etwas weiter unten doch noch ein kleines Highlight offenbart: ein weiter Hang mit bestem Sulz verleitete die Gruppe zu einer Carving-Einlage, auch wenn danach wieder ein kurzer Gegenanstieg in Kauf genommen werden musste … Kurz nach der Breslauer Hütte (2844m) mussten wir nochmals das Gelände studieren, um die letzten Schneeflecken nutzen zu können bzw. um mit möglichst wenig Aufwand ins Skigebiet zu gelangen.
 
Das gelang uns auch, allerdings mussten für den Gegenanstieg die Ski’s nochmals gebuckelt werden (das allerletzte Mal!), um schliesslich ins Skigebiet zu gelangen. Die schöne Sulzpiste genossen wir in vollen Zügen und gelangten schliesslich um ca. 15 Uhr zur Bergstation des Sesselliftes (Stableinalm, 2356m).
 
Da meine Batterien eigentlich am Gipfel schon leer waren, war ich nun völlig ausgepumpt (hat mich eigentlich erstaunt, dass ich mit den anderen überhaupt einigermassen habe mithalten können …). Eine grosse Cola brachte wieder Energie zurück. Danach fuhren wir mit dem Sessellift nach Vent hinunter, denn selbstredend war an diesem Südhang kaum mehr Schnee übrig.
 
Peter, Vroni, Christoph, Thoralf, Heinrich & Werner; es hat Spass gemacht mit Euch!
 
Fazit:
Ziemlich fordernde Tour, welche alles beinhaltete. Ich hatte die Länge und Anstrengung (Ski-Buckeln!) wohl etwas unterschätzt … Aber sicher eine der interessantesten Varianten, die Wildspitze zu besteigen.
 
Bemerkungen:
Wesentlich einfacher (da mit Bahnunterstützung) ist die Besteigung vom Pitztal her über das Mittelbergjoch.
 
Zahlen / Zeiten (inkl. Pausen):
Tag 1: 960m Aufstieg, 100m Abstieg, 10.2 km, ca. 4 Std.
Tag 2: 1260m Aufstieg, 1680m Abstieg, 18.5 km, ca. 8 ½ Std.

Tourengänger: Linard03


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Geodaten
 34796.gpx Wildspitze

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Kommentare (4)


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simba hat gesagt: Gratulation...
Gesendet am 6. April 2017 um 09:41
...vor allem, dass die Knie die Rumpelabfahrten gut überstanden haben ;) Das war bei uns an den Vortagen auch nicht gerade angenehm.
Beste Grüße
Si

Linard03 Pro hat gesagt: RE:Gratulation...
Gesendet am 6. April 2017 um 12:23
Danke - gleichfalls! Ihr wart ja nur 1 Tag vorher da ...
Genau; ich war froh, dass die Knie die Ratterei heil überstanden haben ...
Beste Grüsse zurück

nprace hat gesagt:
Gesendet am 6. April 2017 um 13:07
Solche Bedingungen findet man eher in Juni als in April...wahnsinnig wie wenig Schnee dort liegt.. :-(

Linard03 Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 6. April 2017 um 20:18
sehe ich auch so; teilweise bis ca. 2600m aper, und das Anfang April; schon sehr ungewöhnlich!


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