Nadelgrat+


Publiziert von jfk , 26. November 2016 um 17:02.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:25 September 2016
Wandern Schwierigkeit: T6- - schwieriges Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: ZS
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 2750 m
Abstieg: 2600 m
Strecke:22 km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Gasenried
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Saas-Fee, Busterminal
Unterkunftmöglichkeiten:Biwak auf der Gugla, Bordierhütte SAC, Mischabelhütte SAC
Kartennummer:map.geo.admin.ch

Nadelgrat - In der alpinen Literatur wird der Grat vom Galenjoch bis zum Nadelhorn so bezeichnet. Er bietet eine mittelschwere, lange, schöne und grosszügige Überschreitung von vier 4000ern und wird im Sommer dementsprechend häufig begangen. Nördlich des Galenjochs bildet der Galengrat mit den Gipfeln Gugla, Breithorn, Mittelberg und Grathorn die logische Fortsetzung des Grates. Seine Überschreitung bildet eine abwechslungsreiche, konsequente und sichere Alternative zu den gängigen Zustiegen zum Nadelgrat, erfordert aber aufgrund seiner Länge ein Biwak im Galenjoch.

Schon lange steht der Nadelgrat weit oben auf meiner Tourenwunschliste, bietet sich mir hier doch die Gelegenheit gleich sechs Gipfel meines "Projekt 100" zu erklettern. An einem schönen Wochenende Ende September, mache ich mich mit Philipp von Gasenried aus auf in Richtung Nadelgrat. Durch den  märchenhaften Herbstwald wandern wir hoch zum Grathorn. Nur das vertraute singen einer Kettensäge weit unten im Tal ertönt in der Stille. Tannenhäher und Eichhörnchen sammeln hoch oben in den alten Lärchen und Arven die letzten Wintervorräte. Ein  Gamskitz spielt in der wärmende Herbstsonne, während seine Mutter und andere Artgenossen friedlich äsen und darauf achten, dass sich kein Feind nähert.

Über der Waldgrenze wird die Natur immer karger und alpiner und im gleichen Masse ändert sich auch unsere Route. Denn Mittelberg umgehen wir noch auf dem Wanderweg in der Westflanke, danach geht es weglos und meist in einfacher Kraxelei dem schuttigen und grossblockigen Grat entlang. Im Abendlicht erreichen wir mit der Gugla den letzten Gipfel des Tages und richten im Sonnenuntergang unser Biwak ein, kochen ein feines Znacht und geniessen die schöne Stimmung.

Am nächsten Morgen starten wir noch in der Dunkelheit unser Abenteuer Nadelgrat. Weiter oben im Nordgrat des Dürrenhorns liegt schon ordentlich Schnee, der über die steilen Felsen des Grates kräftezehrend gespurt werden muss. Auf dem Chli Dürrenhorn erreichen uns endlich, rechtzeitig vor dem steilsten und anspruchsvollsten Abschnitt der Tour, die ersten, wärmenden Sonnenstrahlen.
Die Schlüsselstelle, eine schöne Platte mit Rissen im oberen III. Grad, ist bei den eher winterlichen Verhältnissen nicht ganz einfach aber interessant zu klettern. Danach ist es nicht mehr weit bis zum ersten 4000er des Tages.


Der weitere, meist schmale und luftige Grat über Hohberghorn und Stecknadelhorn bis zum Nadelhorn ist dann purer Genuss und vor allem landschaftlich ein wahrer Leckerbissen. Nur die Luft ist ohne Akklimatisation etwas gar dünn hier oben und auch dass ständige Spuren in gut 30 Zentimetern Neuschnee der vergangenen Woche fordert seinen Tribut. So muss ich für den Schlussaufstieg zum Nadelhorn noch einmal alle Kräfte mobilisieren.

Der Hohbalmgletscher im Abstieg zur Mischabelhütte ist nur noch schlecht eingeschneit und bereits etwas aufgeweicht. So verzichten wir im Windjoch auf eine Besteigung des Ulrichshorns und steigen schnellst möglich zur Mischabelhütte ab. Im Abstieg über den einfachen Klettersteig hinunter nach Saas-Fee lassen wir eine schöne, lange und recht strenge Hochtour gemütlich ausklingen. Nach der genialen *Überschreitung der Walliser Fiescherhörner war der Nadelgrat für mich das Highlight im Schweizer Bergsommer.


Route:
  • Galengrat (T6- WS II+, 5-6h): Von Gasenried auf der Strasse über den Riedbach und von hier auf dem Weg zur Bordierhütte bis P.1997.Weiter über den Europaweg aufs Grathorn. Via dem Signal von P.2474 und zuletzt auf dem blau-weiss markierten Pfad Richtung Bordierhütte hoch in die Scharte zwischen Mittelberg und Breithorn (Mieswängi) (T3). Der Mittelberg wird so umgangen. Er könnte laut SAC-Führer bis auf den letzten Gendarmen, der östlich umgangen wird, auch der Kante entlang überschritten werden (ZS).
    Von der Scharte folgt man dem Grat, der aus Gras, Schutt und leichten Felsen besteht an P.2797 vorbei bis an den Fuss der Aufschwünge des Breithorn (T4 I), Ein hübsche Platte gleich zu beginn wird dabei entweder direkt überklettert (III-) oder westlich umgangen.
    Die Aufschwünge sind leichter als sie zuerst den Anschein erwecken und werden direkt und stellenweise leicht östlich der Kante über den grobblockigen und nicht immer ganz festen Fels bis unter die steilsten Partien unterhalb des Vorgipfels erklettert (T5 II). Diese können entweder direkt und luftig in festem Fels erklettert werden (ZS) oder man umgeht sie über Bänder und eine Rinne in der NW-Flanke (T6- II+). Vom Vorgipfel über den breiten, leichten und plattigen Grat aufs Breithorn 3178m und weiter, dem zunehmend wieder etwas schmäler werdenden Grat entlang auf die Gugla 3377m (T5 II). Der breite Rücken der Gugla bietet ausgezeichnete Plätze zum Biwakieren. 
  • Kompletter Nadelgrat vom Galenjoch (ZS 3b 40°, 7h): Vom Galenjoch 3303m folgt man möglichst direkt (Flanken brüchig!) dem grobblockigen Grat  über mehrere Aufschwünge bis aufs Chli Dürrenhorn 3890m. Der Aufschwung P. 3816 wird direkt erklettert oder westlich umgangen. (WS+ II+, 2-2,5h). 
    Vom Chli Dürrenhorn dem scharfen, erst horizontalen Grat entlang bis zu einem Abbruch, wo an einem Schlingenstand ca. 6m abgeseilt wird und man den folgenden Gendarmen in der Westflanke umgeht. Weiter dem Grat entlang hinunter in die Selle 3859m. Nun möglichst am Grat Aufwärts bis unter einen markanten, isoliert stehenden Gratkopf (II-III). Rechts, nahe dem höchsten Punkt umgeht man denselben über eine schöne Platte mit Rissen (Schlüsselstelle, 3b) (Der Kopf könnte laut SAC-Führer direkt überklettert werden. IV?). Nun wieder leichter auf den Gipfel des Dürrenhorns 4035m. (ZS III, 1-1,5h)
    Vom Gipfel in einer knappen halben Stunde direkt am Grat oder leicht in der Süflanke hinunter ins Dirrujoch 3912m (WS). Vom Dirrujoch folgt man nun dem NW-Grat des Hohberghorns. Dieser besteht zuerst aus leichten, teils plattigen Felsen (hier möglichst immer direkt am Grat bleiben, eine kurze IIIer-Platte ist bei Schnee und Vereisung heikel), geht ungefähr in der hälfte in Firn über, der immer steiler wird. Ab ca. 4120m besteht er wieder aus steilem und losem Fels (II+). Diese Felsstufe wird links von der Gratkante erklettert. Schliesslich erreicht man über den sich zurück legenden Grat das Hohbärhorn 4219m  (ZS- II-III, 2h).
    Über Firn kurz und leicht hinunter ins Hohbergjoch. Vom Hohbärgjoch folgt man dem schmalen, zerhackten und luftigen NW-Grat des Stecknadelhorns. Man klettert entweder direkt auf dem Grat oder unmittelbar darunter in den Bänder südlich davon.
    Achtung: Nicht zu weit in die Flanke abdrängen lassen. Da wird es ungemütlich (sehr brüchig). So erreicht man den Gipfel des Stecknadelhorns 4220m (ZS- II-III, 1h).
    Ein kurzer, fast horizontaler Grat aus Fels und Firn führt ins Stecknadeljoch. Vom Stecknadeljoch dem NW-Grat des Nadelhorns folgen. Dieser besteht zuerst aus Firn und Schnee und führt an den Fuss eines Gendarmen. Dieser wird überklettert (3b). Von einer Lücke hinter dem Gendarmen quert man nach links aufsteigend zum NE-Grat und erreicht schliesslich diesem folgend über plattige Felsen das Nadelhorn 4327m (ZS III, 45 min). Alternativ kann bei guten Firnverhältnissen vom Stecknadeljoch auch die steile N-Flanke des Nadelhorns gequert werden (45°) um dann über den obersten Teil der Normalroute (NO-Grat) auf den Gipfel zu gelangen (WS). Vom Gipfel auf der Normalroute zur Mischabelhütte und weiter nach Saas-Fee (T4 WS, 4-5h).

Anmerkungen:
  • Hochtouren Topoführer Walliseralpen: Die angegebenen Zeiten sind sicher eher zügig und nur für eingespielte Seilschaften bei guten Verhältnissen realistische Richtwerte. Mit dem vielen Schnee auf dem Grat waren wir eine gute Stunde länger unterwegs. Zum schwierigsten Abschnitt der Tour, dem Dirruhorn N-Grat werden leider nur ungenaue Angaben gemacht, während zum weiteren Gratverlauf, wo die Route eigentlich logisch ist, schöne und genaue Topos gemacht wurden.
  • Zu den Schwierigkeiten und Gefahren: Der Nadelgrat bietet für eine ZS-Tour sicherlich nicht unüberwindbare technische Schwierigkeiten. Die länge der Tour und die heiklen oder langen Zustiege zum eigentlichen Grat bieten aus meiner Sicht die Hauptschwierigkeiten und machen aus der Tour ein recht ernsthaftes Unterfangen, das schon von vielen Alpinisten unterschätzt wurde. Mein Götti, ein erfahrener Bergsteiger der alle 48 Schweizer 4000er bestiegen hat musste mit seiner Frau Ende der 70er-Jahre von der Mischabelhütte kommend ein ungemütliches Biwak in der Nähe des Dirrujochs verbringen, weil sie von dichtem Nebel überrascht wurden, der eine sichere Orientierung in einer der Zu- /Abstiegsvarianten verunmöglichte. Ein ungleich tragischeres Erlebnis hat WoPo in seinem *Bericht eindrücklich geschildert. 
    Einen empfehlenswerten und kurzweilig geschriebenen Bericht zum Nadelgrat finden interessierte Aspiranten hier von Konditionswunder Eugen Brigger auf seiner Homepage.

Tourengänger: jfk


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Kommentare (11)


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orome hat gesagt:
Gesendet am 26. November 2016 um 17:31
Mal wieder ein super Bericht, Danke! Für mich zählen deine Beiträge zu denen mittlerweile sehr selten gewordenen, interessanten tourenberichten. Auch wenn ich mittlerweile weit weg von deinem Einzugsgebiet wohne...

jfk hat gesagt: RE:
Gesendet am 26. November 2016 um 18:20
Merci! Ohne irgend etwas zu werten oder jemanden zu kritisieren: Für alpin interessierte User hat der Mehrwert von Hikr in den letzten Jahren tatsächlich etwas abgenommen. Ich versuche hier mit meinen Berichten etwas Gegensteuer zu geben und freue mich natürlich, wenn meine Arbeit dabei geschätzt wird. Ich hoffe, dass mit meinen Berichten auch etwas zögerliche, alpin angehauchte User ermutigen werden noch wenig bekannte Touren zu erkunden und dann auch hier zu posten, denn nicht zuletzt lebt für mich Hikr zu einem grossen Teil von genau diesem Ideenaustausch.

Grüsse Jonas

orome hat gesagt: RE:
Gesendet am 27. November 2016 um 02:59
Kritik liegt mir natürlich auch fern. Und dass es noch genug schöne Touren ohne Beschreibung abseits der normalere gibt, das stellst du ja unter Beweis! Trotzdem werden die User, die abseits der normalwege unterwegs sind immer weniger.
ich versuche immer mal wieder ein paar unbeschriebene Touren reinzustellen, auch wenn die diesen Sommer meist nicht wirklich spektakulär waren. Was mich aber ärgert, ist die Inflation der Schwierigkeitsgrade, die hier schleichend vonstatten geht, aber das ist wohl ein anderes Thema...

Linard03 Pro hat gesagt:
Gesendet am 26. November 2016 um 17:39
eindrückliche Tour - super Fotos; Gratulation!
Der Nadelgrat ist nach wie vor auch für mich eine Wunsch-Traumtour ...

jfk hat gesagt: RE:
Gesendet am 28. November 2016 um 09:37
Danke. Der Nadelgrat ist wirklich eine traumhafte Tour.

Gruss Jonas

Sputnik Pro hat gesagt:
Gesendet am 26. November 2016 um 18:53
Hallo Jonas,

Einen Superbericht und endlich einmal eine vernünftige Beschreibung der Überschreitung der Dirruhörner. Ich wollte diesen Sommer mit meinem schwedischen Kollegen die Tour ebenfalls mit 2 Biwaks machen. Leider war entweder das Wetter schlecht, wir waren im Urlaub oder hatten sonst keine Zeit. Egal die Tour steht 2017 ganz oben auf unserer Liste. Immerhin hatten wir zusammen ja mit dem Dombaj Ul'gen im Kaukasus unser Jahreshighlight gehabt :-)

jfk hat gesagt: RE:
Gesendet am 28. November 2016 um 09:36
Merci Andi. Im 2017 wirds sicher klappen!

Gruss Jonas

WoPo1961 Pro hat gesagt:
Gesendet am 27. November 2016 um 10:01
Wahnsinnstour, phantastisch schöne Bilder uuund dazu noch ein toller Bericht... Mehr geht eigentlich nicht! Wie schon beim Hikr Treff gesagt, hat es mich sehr gefreut, das du bei dieser Tour an meinen Bericht bzw auch an meinen Freund denken musstest. Du siehst nicht nur die eigenen "Erfolge", sondern kannst über den Tellerrand schauen und erkennst, das Bergtouren leider auch ganz anders enden können. DAS zeichnet dich in meinen Augen besonders aus!
Eine verdiente "Lobhudelei" aus Flachhausen vom ollen WoPo, der hofft im näxten Jahr auch dort oben stehen zu dürfen. Lieben Gruß

jfk hat gesagt: RE:
Gesendet am 28. November 2016 um 09:56
Moin WoPo. Ich denke die meisten Bergsteiger sehen auch die Risiken in unserem Sport und Nutzen Berichte wie den deinen, um die eigenen Touren und Entscheide in den Bergen zu reflektieren und hinterfragen. Denn seien wir ehrlich, die meisten Alpinisten waren schon in ähnlichen Situationen wie ihr damals, nur haben 99% Glück und es passiert nichts. Vielleicht hat mich dein Bericht auch so berührt, weil ich vor ein paar Jahren selber einmal nur einige Kilometer weiter mit viel Glück einem ähnlichen Schicksal wie dein Freund knapp entkommen bin.

Ich wünsche dir und roger_h auf jeden Fall von ganzem Herzen, viel Glück, Erfolg und eine unfallfreie Tour im nächsten Sommer!

Gruss Jonas

roger_h Pro hat gesagt:
Gesendet am 28. November 2016 um 09:04
Sali Jonas,
Tolle Tour, tolle Fotos und super Beschreibung einer Tour, die ich nächstes Jahr mit WoPo geplant habe, vielleicht nur die normale und nicht die +-Variante, aber immerhin!
Gruss
Roger

jfk hat gesagt: RE:
Gesendet am 28. November 2016 um 10:06
Hoi Roger

Danke dir! Wie bereits im Kommentar zu WoPo geschrieben, wünsche ich euch viel Glück bei euerer Tour.

ä liebe Gruäss

Jonas


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