Gipfelperlen rund um die Claridenhütte


Publiziert von Bergamotte Pro , 27. September 2016 um 22:33.

Region: Welt » Schweiz » Glarus
Tour Datum:24 September 2016
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GL   Claridengruppe   CH-UR 
Zeitbedarf: 8:30
Aufstieg: 1950 m
Abstieg: 1950 m
Strecke:24.5km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:LSB Urnerboden-Fisetengrat
Unterkunftmöglichkeiten:Claridenhütte
Kartennummer:1193 Tödi

Nebst dem bekannten Gemsfairenstock findet man rund um die Claridenhütte eine ganze Reihe weiterer Gipfelziele. Dabei lassen sich Zuetribistock, Beggistock und Geissbützistock ohne grosse Schwierigkeiten erreichen und bieten dem interessierten Passwanderer oder Hüttenbesucher lohnende Abstecher. Ganz anderer Art präsentieren sich die Routen am Gemsistock und vor allem am Rotstock. Letzterer ist einer der anspruchsvollsten Gipfel, die ich je bestiegen habe. Man hat hier gute Chancen, die einzige (menschliche) Begehung des Jahres zu realisieren.

Gemsistock 2430m (T6-, II-III)

Dank der Bahn zum Fisetenpass erspart man sich den langen Talaufstieg ab Tierfehd. Trotzdem zieht sich der Zustieg in die Länge, alleine bis zum Malor (2035m) muss mit einer knappen Stunde gerechnet werden. Hier öffnet sich erstmals der Blick in den "Blauen Pfad", das gutmütige Schuttband auf der Nordseite des Altenorenstocks. Es vermittelt den schnellsten und einfachsten Zugang zum Sattel P. 2323 auf der Westseite des Gemsistocks. An beliebiger Stelle verlässt man den Hüttenweg und durchquert das feuchte Schuttgelände (T4). Wie PStraub bereits erwähnt hat, liegen hier Unmengen alter Hüttenabfälle rum, vor allem Dosen. Was in den Rucksack passt, pack ich ein - das alte Pastasieb zählt nicht dazu...
In der Scharte beginnt der spannende Teil. Unmittelbar vor dem "Bug" folgt man Spuren auf die Südseite, steigt aber sehr bald über Schrofen zum Gipfelaufbau hoch. Man befindet sich nun direkt unterhalb vom Hauptgipfel. Man quert nun ein weiteres Mal nach Osten, leicht Höhe verlierend. Auch hier sind Gamsspuren erkennbar. Wo genau die Normalroute aufs Gipfelplateau hochführt, war mir nicht ganz klar. Aber der geneigte T6-Gänger wird zahlreiche Linien erkennen. So packe ich die erstbeste Möglichkeit, eine markante Kalkplatte. Einen kurzen Aufschwung umgehe ich links (westlich), um anschliessend eine enge Rinne zu erreichen. Die ersten zwei Meter sind im Aufstieg ein furchtbares Gewürge (III), im Abstieg geschenkt. Anschliessend genussvoll einige Meter weiter und nach rechts aus der Rinne aufs grasige Gipfelplateau. Der Hauptgipfel vom Gemsistock (2430m) liegt von hier nur noch wenige Meter entfernt.

Aber den Gemsistock besucht man natürlich wegen seines aussichtsreicheren Ostgipfels. Genau wie der Chamerstock bietet er einen formidablen Blick übers Grosstal, nur dass ersterer einiges leichter zu erreichen ist... Der Übergang, zuletzt kurz nach Süden ausweichend, dauert wenige Minuten und erreicht circa eine T5-. 

Im Abstieg suche ich eine einfachere Variante und werde tatsächlich fündig. Zwischen den beiden Gipfeln befindet sich eine grasige Mulde, nach Süden geneigt. Dort steige ich zum tiefsten Punkt ab und kann anschliessend über Kalkplatten in leichter Kletterei das Gipfelplateau verlassen (T5+, II). Diese Variante ist einfacher als mein vorheriger Aufstieg, zudem beschränkt sich das gehobene Alpinwandergelände hier auf wenige Meter. Anschliessend Querung den Felsen entlang zurück nach Westen, wo ich nach 100 Metern wieder auf meine Aufstiegsroute treffe.

Altenorenstock 2458m (T5-)

Ab Claridenhütte lässt sich dieser "Gipfel" in gut fünf Minuten über einfachstes Gelände erreichen (T2). Vom Sattel P. 2323 ist die Sache etwas anspruchsvoller, aber trotzdem gut machbar. Die schrofige Südostflanke bietet zahlreiche Varianten, bei einigermassen vernünftiger Routenwahl kommt man mit einer moderaten T5 durch. Übrigens, die Kote P. 2458 markiert nicht den höchsten Punkt. Dieser befindet sich wenig neben dem Totalisator. Zum Wanderweg rüber Richtung Beggilücke sind es von hier nur wenige Minuten.

Zuetribistock 2645m (T3+) & Beggistock 2635m (T3)

Die Beggilücke (2437m) geniesst bei Hüttenwanderern eine gewisse Beliebtheit, bildet sie doch den Übergang von der Clariden- zur Planura- bzw. Fridolinshütte. Mir dient sie als Ausgangspunkt für den Abstecher zu den nächsten Gipfeln. Ich steige die wenigen Meter hoch zur Kuppe P. 2609, ab hier ist der weitere Routenverlauf klar. Den Zuetribistock (2645m) erreicht man über das Block- und Schuttgelände südlich vom Grat (T3+). Man könnte auch dem Grat selber folgen, einziges Hindernis bildet ein circa fünf Meter hoher Aufschwung. Wer mag, steigt noch kurz zur Südseite des Gipfelplateaus und kommt so in den Genuss eines komplett unverstellten Blicks auf den Tödi.

Die Passage zum Beggistock (2635m) rüber ist selbsterklärend, genau wie der Abstieg zurück zur Beggilücke. Wer wie ich weiter zu den Geissbützistöcken will, kann vom Gipfel die Route durchs Band in deren Ostflanke sehr gut einsehen.

Vorder und Hinter Geissbützistock 2662m und 2720m (T4)

Entgegen dem ersten Eindruck ist dieses Band sehr gut begehbar und nur wenig steil. Man erreicht es, indem man die Kuppe P. 2587 südseitig umgeht. Am besten benutzt man kurz den Wanderweg statt wie ich mühsam durch Schutt zu queren, um einige Höhenmeter zu sparen. Das Band ist weder ausgesetzt noch besonders steil und bietet keine Schwierigkeiten. Das gilt auch für den etwas steileren Ausstieg in den Sattel. Von dort über Blockfels kraxelnd in zwei Minuten zum Vorder Geissbützistock (2662m). Den grösseren Bruder erreicht man ab Scharte in circa zehn Minuten. Hier, im Angesicht von Gemsfairenstock, Bocktschingel und Clariden, ist nun definitiv Zeit für eine späte Mittagsrast. Das Zuwarten hat sich definitiv gelohnt.

Die Normalroute, welche ich im Abstieg benutze, erreicht den Gipfel durch die breite Nordflanke. Gemäss der letzten 1:25'000 Karte muss hierfür ein Gletscher mit Spalten betreten werden. Das trifft nicht mehr zu. Wo der Gletscher nicht weggeschmolzen ist, findet man bloss noch harmlose Firnfelder. Diese könnten bei Bedarf komplett umgangen werden. Anschliessend Querung nach Norden zu den Wegspuren, welche vom Gemsfairenjoch kommen und so zurück zur Claridenhütte SAC (2457m).

Rotstock (T6, II)
Prolog: Der Rotstock markiert T6 in Reinkultur. Im Gegensatz zu vielen anderen Gipfeln dieser Stufe rührt die Bewertung nicht von einer besonders schwierigen, aber kurzen Schlüsselstelle her. Solche "Killerpassagen" gibt es nicht. Die Ernsthaftigkeit kommt schlicht und einfach daher, dass man sich während zwei Stunden fast permanent durch ausgesetztes T5 bis T6 Gelände bewegt. Das ist doch recht ungewöhnlich und stellt einige Anforderungen an die Psyche...

PStraub hat die "Normalroute" gut beschrieben, als besonders nützlich erwies sich sein Topo. Auch der Führer ist für einmal sehr detailliert. Nicht einverstanden bin ich mit dessen Aussage: "Das Griggeli selber ist bequem zu erreichen". Vom Malor kommend verlässt man ungefähr beim Geissstein den Hüttenweg. Ich hingegen, weil im Abstieg, beginne wenig unterhalb von 2200m mit der Querung ab Weg. Höher macht keinen Sinn, weil man das Dolomit-Band untenrum passieren sollte. Anschliessend über steile Grashalden in den Flysch-Bereich. Diesen passiere ich durch die Rinne ganz links. Man erreicht hier bereits eine T6-. Das ist wohl nicht die einfachste Linie, dafür sinkt die gefühlte Ausgesetztheit.

Vom Griggeli (2364m) unschwierig über den Grat bis vor den "Bug". Hier folge ich einer Spur auf die Nordseite, steige aber bei erstbester Gelegenheit - nach circa zwanzig Metern - über Gesimse schräg in den felsigen Gipfelaufbau bis vor eine markante Rinne. Diese ist begehbar, aber das griffige Felsgelände rechterhand angenehmer (T5, II). Zuoberst geht die Rinne in senkrechten Fels über und kommt als Gratausstieg ohnehin nicht in Frage. Den Grat erreicht man stattdessen wenige Meter rechts davon. Anschliessend wenige Meter runter in die Südflanke. Nun beginnt die längere Querung nach Osten. Aufgrund der hohen Ausgesetztheit eindeutig eine T6. Das Grasgelände ist aber ganz passabel gestuft und bei trockenen Verhältnissen gut begehbar. Zunächst gewinnt man keine Höhe, von den begrenzenden Kalkplatten oberhalb lässt man besser die Finger. Später ergibt sich dann ein Durchstieg durch Fels-Gras-Gelände. Über Schutt, nun deutlich weniger ausgesetzt, erreicht man den Einschnitt zwischen westlichem Vorgipfel und Hauptgipfel. Hier gibt es mehrere Varianten, um die grasige Gipfelflanke zu erreichen. Man quert einfach solange weiter nach Osten, bis es persönlich "passt". Die Grasflanke selber ist zwar steil, aber gut gestuft. Das wird mir erst im Abstieg bewusst, denn zuvor hatte ich es mit dem Ostwärtsqueren gar gut gemeint. Erst kurz vor dem Sattel zwischen Haupt- und Ostgipfel (P. 2424) steige ich hoch und erreiche den Gipfel über dessen Nordostgrat. Geht auch, ist aber etwas schwieriger.

Weil spät dran, erspare ich mir im Abstieg den Umweg über den Malor, steige also vom Griggeli direkt die steile Nordflanke ab. Das ist etwas anspruchsvoller als die Südroute, T6, geht aber besser als erwartet. Linien durchs feucht-lehmige Schuttgelände gibt es viele. Unten im Laufschritt zurück zum Fisetenpass, um die letzte Bahn nicht zu verpassen.


Zeiten
2:30  Gemsistock
1:40  Zuetribistock
1:00  Geissbützistock
2:10  Rotstock
1:15  Fisetenpass

Tourengänger: Bergamotte


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Kommentare (2)


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PStraub hat gesagt: Endlich ..
Gesendet am 28. September 2016 um 08:26
.. hat sich mal einer an Rot- und Gemsistock gewagt - Gratulation zu dieser Tour !!

Gruss Peter

Bergamotte Pro hat gesagt: RE:Endlich ..
Gesendet am 28. September 2016 um 17:31
Danke Peter. Wobei, ohne Deine Vorarbeit am Rotstock hätte ich mich kaum dorthin getraut.
Ich war heute am Hängeten, einem der heikelsten Alpstein-Gipfel - das kam mir beinahe wie ein Spaziergang vor...


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