Sustenhorn (3503m) komplett über den Steingletscher


Publiziert von Stevo47 , 23. September 2016 um 14:32.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Oberhasli
Tour Datum: 6 August 2016
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE   CH-UR 
Zeitbedarf: 1 Tage 5:00
Aufstieg: 1400 m
Abstieg: 1400 m
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Aus Richtung Zürich: A2 - Richtung Gotthard, Ausfahrt Wassen - Hauptstrasse 11 in Richtung Gadmen. Im nächsten Ort (Steingletscher) nach der Passhöhe in der engen Rechtskurve links beim Alpincenter Sustenpass auf die gebührenpflichtige Privatstrasse Richtung Parkplatz Umpol (gebührenpflichtig: 1. Tag CHF 5, jeder weitere 1 CHF, ganzes Wochenende = 6 CHF )
Unterkunftmöglichkeiten:Tierberglihütte
Kartennummer:1211 - Meiental (Swisstopo 1:25000)

Das Sustenhorn ist wahrlich etwas für Geniesser: relativ kurz & schmerzlos erreicht man einen stattlich hohen Gipfel mit einem umwerfenden Panorama - und das ganz ohne Seilbahn-Touristen. Aufgrund seiner zentralen Lage liegt einem fast die halbe Schweiz zu Füssen.
Einziger Wermutstropfen: Liebhaber von intimen Gipfelerlebnissen haben wohl nur bei intensiven Niederschlägen, Sturm und dichtem Nebel an einem Wochentag eine Chance auf Einsamkeit.
Fast hätte ich gesagt "eine nette Familientour wenn die Schwiegereltern zu Besuch sind", aber das könnte missverstanden werden. Wir entschieden uns jedenfalls für eine Besteigung des Sustenhorns über den kompletten Steingletscher. Dem unteren Teil des Steingletschers verdankt die Tour übrigens auch die Bewertung WS, ansonsten wäre es ein L. 
 

An diesem Wochenende stand wieder eine Tour mit dem DAV Hochrhein auf dem Programm.
Am Samstagmorgen, 06.08.2016, fuhren wir gemeinsam zum Parkplatz Umpol und stiegen dort nach einer kurzen Wanderung (knapp 30 Min.) über die Gletschermoräne nördlich des Bockbergs (nicht markiert, jedoch eindeutige Trittspuren - T3) oberhalb des Gletschertores auf den Steingletscher. Über den leicht ansteigenden aperen Gletscher kamen wir dann auch relativ zügig zur einzigen Schlüsselstelle der Tour (WS): die Steilstufe des Steingletschers. Der Gletscher ist an dieser Stelle in Folge des progressiven Gletscherrückgangs sehr steil (ich schätze mindestens 45 - 50 Grad). Als ich davor stand, fiel mir spontan der Name "Iswändli" als passender Begriff ein, doch der hat es sich ja bereits am Clariden bequem gemacht. Vom Sustenpass sieht dieser Teil tatsächlich wie eine Eiswand aus.
Vor uns konnten wir bereits einige Ausbildungs-Seilschaften ausmachen, die sich mit Eisschrauben sicherten und fleissig ihre Frontalzacken und Pickel bemühten. Wir integrierten uns nahtlos in dieses bunte Gletschertreiben und folgten diesem Muster. Konzentriert und vorsichtig aber problemlos erreichten wir leider viel zu schnell das Ende der Steilstufe, wo es eigentlich gerade anfing richtig Spass zu machen mit den Frontalzacken. Die Eisschrauben benutzten wir im Aufstieg nicht, im Abstieg waren sie jedoch willkommen.

Ein Rückblick über die unzähligen, querenden teils ziemlich breiten und offenen Spalten hinunter bestätigte meinen Verdacht, dass ein Ausrutscher in dieser Passage wohl nicht als winterliche Schussfahrt enden würde. Stattdessen käme man dann wahrscheinlich hunderte Jahre später am Gletschertor als Tiefkühl-Bergsteiger und Neuzeit-Ötzi auf den Sezier-Tisch unserer Nachkommen.

In gemässigter Neigung gehts nun weiter bergauf und das Blankeis wird abgelöst von schneeweissen Firn. Na Hoppla, das ist doch Neuschnee, gute 15-20cm - im August auf einer Höhe von nicht mal 2600m! Aber derartige Phänomene schocken im niederschlagsreichen Jahr 2016 wohl niemanden mehr. In stetigem Schritt kamen wir der Tierberglihütte mit ihrer einzigartigen Lage inmitten einer prächtigen Gletscherwelt schnell näher. Moment mal! Prächtige Gletscherwelt? Als wir auf der Hüttenterasse standen, hatte ich ein Déjà-vu: Vor über 10 Jahren bin ich schon mal via Klettersteig hier hochgekraxelt und stand IM NEBEL. Vor ca. 8 Jahren bin ich via Wanderweg hier hoch und stand IM NEBEL. Nun bin ich via Gletscher hochmarschiert und stand IM NEBEL! Jedes Mal konnte ich statt dem Gletscherpanorama nur meine Bierflasche in Armentfernung bestaunen. Doch das sollte sich zum Glück am nächsten Tag ändern...

Die neu renovierte Tierberglihütte präsentiert sich im modernen, aber gemütlichen Design und wir haben uns gleich wohl gefühlt. Wohlgefühlt hatte ich mich damals schon als Trudi Imdorf noch Hüttenwart war und mir von den prächtigen Bergen im dichten Nebel erzählte. Eine schöne Geste von der Hüttenwartsfamilie, dass es für die Gäste nach dem Nachtessen noch ein Gläschen Wein gibt und der Hüttenwart noch eine kleine Ansprache hält mit Infos zu den aktuellen Verhältnissen. Tolle Atmosphäre! Die Nacht hätte für mich geruhsam werden können wenn ich Vollpfosten mein vernebeltes Hirn eingeschaltet und mich in die unterste Bettreihe gelegt hätte wo es einigermassen kühl war. Aber nein, lieber nahm ich die Hütten-Sauna unter dem Dach und wälzte mich die ganze Nacht im eigenen Saft bzw. drehte mich wie ein Ochse am Spiess. Wohl noch nie bin ich um 04:20 Uhr, als der Wecker meines Bettnachbars (zu früh) klingelte, mit so viel Freude aufgestanden! Konnte es kaum erwarten, das eiskalte Wasser aus dem Hüttenwasserhahn im Gesicht zu spüren, von anderen Körperteilen ganz abgesehen. Draussen zeigten sich langsam die 1. Anzeichen des Sonnenaufgangs - ganz klar und wolkenlos - ein fantastisches Erlebnis! 

05:00 Uhr gab's dann Frühstück und um 05:30 Uhr waren wir startklar. Wieder befand ich mich auf der Hüttenterasse und stand dieses Mal NICHT IM NEBEL! Bei absolut besten Verhältnissen zogen wir los und folgten den Trittspuren unserer Vorgänger ohne Schwierigkeiten. Mehrmals kam in mir der Gedanke auf, dass das doch auch im Winter mit Schneeschuhen gut zu machen sein müsste. Die steileren Abschnitte werden wie gewohnt serpentinenförmig absolviert und der Gipfel will - auch wie gewohnt - einfach nicht näher kommen - aber dann, nach 2,5 Stunden standen wir oben auf 3503m bei Bilderbuch-Panorama wie es kaum hätte besser sein können. Kein Wölkchen am Himmel, klare Sichtverhältnisse und mit einem Fernglas hätten wir wohl noch den Fischmarkt in Hamburg sehen können. Natürlich waren wir nicht allein...die zahlreiche Bevölkerung auf dem geräumigen Gipfel sorgte für ungewöhnlichen Lärm in dieser Höhe und glich eher einer Chilbi. Das Gipfelkreuz zu erreichen war gar nicht so einfach, es war umstellt von posierenden Berggängern. Ist aber auch eine wirklich gute Gelegenheit für ein neues WhatsApp-Profilbild. Mich hätte nicht gewundert wenn da noch einer seinen Grill aufgestellt hätte. Als Kiosk-Betreiber da oben würde man im Sommer wahrscheinlich auch nicht Pleite gehen.

Geklettert werden muss übrigens an keiner einzigen Stelle, der Gipfel kann über die, von uns gewählte, überfirnte Westflanke einfach erreicht werden (Normalweg). Mit seinem anspruchsvollen Ostgrat (ZS - IV) weiss das Sustenhorn aber auch den ambitionierten Gipfelstürmer herauszufordern.  

Nach unserem 30-minütigen Gipfelaufenthalt begannen wir mit dem Abstieg welchen wir durch wunderbares Absurfen durch die Westflanke zu verkürzen wussten. Nun noch den Gletscher wieder runter bis zur erwähnten Steilstufe. Die sah von oben irgendwie gar nicht lustig aus. So muss es wohl auch Mo6451 ergangen sein, als sie sich an dieser Stelle entschied, lieber umzukehren und über den Hüttenweg abzusteigen (*Sustenhorn - der dritte Versuch). Das 1. Drittel konnten wir uns noch um die Spalten schlängeln bzw. von oben in ihre gähnend tiefen Spalten blicken, dann setzten wir aber Eisschrauben und unser Tourenleiter seilte einen nach den anderen ca. 50m über das steilste Stück ab. Der Rest war dann Formsache und wir kehrten auf der Rückfahrt noch ins Alpincenter Sustenpass ein, wo im Biergarten noch ein prächtiger Apfelstrudel mit noch besserer Vanillesauce verzehrt wurde - so hatten wir denn auch einen Bergschmaus mit Gaumenschmaus.  
 
Da ich mir nun sicher bin, dass die bisherigen Nebelerfahrungen im Sustengebiet wohl nicht persönlich gemeint waren, komme ich gern wieder um das Gwächtenhorn zu überschreiten und mir die subpolare Artenvielfalt auf den Tierbergen anzuschauen.

Bewertung der Schwierigkeiten:

Parkplatz Umpol - Tierberglihütte via Steingletscher: WS
Tierberglihütte - Sustenhorn: L

Fazit:

Wer mal nicht zur Hütte wandern möchte, hat sicher Spass daran diese auch mal über den Gletscherweg zu erreichen. Ganz trivial ist die Steilstufe im unteren Bereich des Steingletschers sicher nicht, aber mit etwas Mut, der nötigen Vorsicht und fundierten Kenntnissen gut zu meistern. Das Sustenhorn ist trotz häufigen Besuchs ein sehr lohnendes Hochtourenziel mit einer fantastischen Aussicht. Besonders imposant fand ich die Aussicht auf die sehr nahe liegende Winterberg-Kette mit den bekannten Grössen Dammastock, Rhonestock usw.   

Etwas schleierhaft ist mir jedoch die Bewertung der Schwierigkeiten auf der Homepage der Tierberglihütte (WS+). Dies scheint mir etwas arg hochgegriffen. Ein WS- ab Tierberglihütte wäre aus meiner Sicht wohl das Maximum.   
         

   

Tourengänger: Stevo47


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Kommentare (1)


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Mo6451 Pro hat gesagt:
Gesendet am 23. September 2016 um 16:24
du sagst es, abseilen wäre mit einem 30m Seil nicht gut bekommen und die Querung rüber zum Felsen war einfach zuviel für mich.
Ja,ja das Sustenhorn, es hält einen schon manchmal zum Narren.

VG
Monika


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