Piz Urlaun 3359m - Piz Posta Biala 3074m


Publiziert von Bergamotte Pro , 5. September 2016 um 17:10.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Surselva
Tour Datum: 2 September 2016
Hochtouren Schwierigkeit: WS+
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   Bifertengruppe   CH-GL 
Zeitbedarf: 10:00
Aufstieg: 2900 m
Abstieg: 2900 m
Strecke:26km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:PW zur Alp da Schlans Sut (Bewilligung 7.- für 3 Tage, zu lösen an der Strasse)
Unterkunftmöglichkeiten:Puntegliashütte
Kartennummer:1193 Tödi / 1213 Trun

Ich möchte hier eine Lanze brechen für das Val Punteglias; es bietet weit mehr als den Südzugang zum Tödi. Die Landschaft ist geradezu spektakulär wild. Auf drei Seiten wird das Tal von schroffen Gipfeln umrahmt, alle um die 3000 Meter hoch. Die Schwierigkeiten gegen oben sind offen, trotzdem lassen sich die meisten Gipfel auch als Plaisirtour erreichen. Und mehr Einsamkeit als hier oben, wo selbst der Regafunk versagt, benötigt kein Mensch.

Als ganz besonderen Leckerbissen erachte ich den Piz Urlaun, mit seinen 3359 Metern einer der höchsten Berge im Glarnerland. Nirgends geniesst man einen schöneren Blick in die hochalpine Tödiarena mit ihrem zerfurchten Bifertengletscher. Bei Übernachtung in der wunderbar gelegenen Puntegliashütte erreicht man den Gipfel mit einem bescheidenen Aufstieg von gut 1000 Höhenmetern. Dabei berührt die Normalroute über den Südgrat weder Gletscher noch erfordert sie richtige Kletterei. Absolute Trittsicherheit ist jedoch zwingend. Wer 
- wie ich - den Mund nicht voll kriegt, kann anschliessend beliebig weitere Gipfel anhängen.

Eine Tagestour auf Piz Urlaun und Piz Posta Biala erfordert doch ein gewisses Stehvermögen. Vernünftigerweise quartiert man sich bereits am Vorabend in der Puntegliashütte ein. Ich hingegen übernachte lieber im Auto auf der Alp da Schlans Sut (1723m). So handle ich mir für den nächsten Tag zwar 800 zusätzliche Höhenmeter ein, dafür kann ich um 6:00 in aller Ruhe und ziemlich ausgeschlafen loslaufen. Die Querung zur Alp da Punteglias (1635m) rüber zieht sich ganz schön in die Länge, kein Wunder beim ständigen Auf und Ab. Anschliessend kann aber steil und effizient zur Camona da Punteglias (2311m) aufgestiegen werden. Angesichts des Tagesprogramms verschiebe ich den Kaffee auf später und ziehe gleich weiter über die Schwemmebene. Der Zugang zur Fuorcla da Punteglias (Tödi-Südroute) ist perfekt mit Steinmännern markiert.

Urlaun-Aspiranten verlassen diesen, um an geeigneter Stelle das markante Riff aus Rötidolomit zu überwinden. Das geht an mehreren Orten, je östlicher desto einfacher (T4). Oben trifft man auf mickrige Firnreste und erreicht in sanfter Steigung die "Obere Fuorcla da Punteglias" (ca. 2880m). Man steht hier direkt zu Füssen der mächtigen Urlaun-Südflanke, welche oben im Vorgipfel P. 3208 kulminiert. Die Flanke besteht aus Schutt und brüchigen Felsstufen, für mich typisches Alpinwandergelände der gehobenen Sorte. Vereinzelt sind Trittspuren erkennbar. Im Aufstieg ziehe ich ziemlich direkt hoch und darf dabei auch etwas klettern (II), diese Stellen können aber alle durch Schutt umgangen werden. Mögliche Linien in der breiten Flanke gibt es unzählige.

Um den Vorgipfel P. 3208 zu erreichen, weicht man kurz zuvor leicht in die Westflanke aus. Vor Ort ist das logisch. Von hier öffnet sich der herrliche Blick über den langen Südgrat und man erkennt bereits den Piz Russein mit seinen Satelliten. Genau wie die Südflanke zuvor ist auch der Südgrat gehobenes Geh- oder Kraxelgelände. Er bildet für mich den Höhepunkt der Tour. Einzelne Felsaufschwünge - ich habe zwei gezählt - umgeht man vorzugsweise durch die Westflanke (Wegspuren vorhanden!), ansonsten verbleibt man in etwa auf der Gratschneide. Kletterei wird nicht benötigt, Schwindelfreiheit und absolute Trittsicherheit sind hingegen zwingend. Um 10:00 bereits erreich ich das Gipfelplateau vom Piz Urlaun (3359m). Der SAC-Führer erwähnt einen Zeitbedarf von fünf Stunden ab Hütte. Das erscheint mir bei gut 1050 Höhenmetern ohne grössere Schwierigkeiten und Flachetappen doch sehr grosszügig. Ein durchschnittlicher Berggänger sollte in 3.5 bis 4 Stunden durch sein. Schwierigkeit: T5+ oder WS-.

Das Panorama hier oben ist schlicht gigantisch. Zu meiner Rechten Bifertenstock und Piz Frisal, zu meiner linken Oberalpstock und Piz Cambrialas, hinter mir das Wolkenmeer über der Surselva. Und, natürlich, direkt vor mir die hochalpine Arena mit Tödi und all seinen Trabanten. Bereits seit vier Jahren studiere ich an dieser Tour rum - das Warten hat sich gelohnt! An diesem prächtigen Spätsommertag ist - wenig überraschend - einiges los am gegenüberliegenden Tödi. Ich zähle ungefähr zwanzig Bergsteiger, die sich während meiner Gipfelrast an den Abstieg machen.

Auch ich ziehe nach vierzig Minuten weiter und erreiche über die Aufstiegsroute wieder die "Obere Fuorcla da Punteglias". Bereits zuvor war mir das Gliemsstöckli ins Auge gestochen und ich - immer noch voller Urlaun-Glückshormone - entschliesse mich für einen kurzen Abstecher dorthin. Dafür muss aber zunächst die (Untere) Fuorcla da Punteglias (2814m) erreicht werden. Das ginge ganz einfach über Schutthalden mit einem kurzen Schlenker nach Westen. Doch der damit verbundene Wiederaufstieg von ca. 80Hm ist mir zu blöd... (So ist der Mensch: absolviert eine Tour über 2900Hm, aber geht dann Experimente ein, um einen kleinen Gegenanstieg zu vermeiden.) Ich probiere also, von der oberen direkt in die untere Fuorcla abzusteigen. Die Krux liegt hier im unteren Bereich, welcher zudem von oben kaum einsehbar ist. Tatsächlich glaube ich wenige Meter vor dem Ziel wieder umkehren zu müssen, finde aber im zweiten Versuch einen ganz passablen Durchschlupf (T6-). Wer das von unten probiert: Der Einstieg ist nicht bei der gelben Markierung, sondern ein paar Meter westlich davon.

Das Gliemsstöckli (2959m) ist ab der Fuorcla mit bescheidenem Aufwand, sprich 150Hm, zu erreichen. Man hält sich zunächst an den Nordgrat, welcher aus Blockfelsen besteht (T4+). Wie schon PStraub *hier erwähnt hat, sind diese teils sehr leicht zu bewegen... Gemäss Führer verbleibt man bis zum Hauptgipfel auf dem Grat - das ist Blödsinn. Einfacher geht's, man umgeht den Nordgipfel ein paar Meter unterhalb auf der Ostseite (unschwierig, aber etwas ausgesetzt, je nach Linie T5+ bis T6-). Dann in wenigen Metern auf den Hauptgipfel. Bis hierhin kann ich die "ZS" im Führer nicht nachvollziehen. Ich vermute, sie bezieht sich auf den Weiterweg zum Südgipfel (P. 2954). Keine Ahnung, wer sich das antun soll!? Wobei, gerade ich, der anschliessend weiter zum Piz Posta Biala will, sollte an dieser Variante eigentlich ein ureigenes Interesse haben. Denn dieser liegt bloss 600 Meter Luftlinie entfernt! Aber wer das Gelände dazwischen mal einsehen konnte, weiss, warum ich keine einzige Sekunde mit diesem Gedanken verschwendet habe. Stattdessen auf der Aufstiegsroute zurück in die Fuorcla da Punteglias und über Restschnee- und Geröllfelder zurück in die Schwemmebene.

Exkurs: Auf anspruchsvollen Solotouren durch abgelegene Gebiete nehme ich jeweils den Regafunk mit. Die Abdeckung des (prinzipiell sehr guten) Swisscom-Netzes kann dadurch weiter erhöht werden. Aber auch dort muss in ausgeprägten Muldenlagen mit Funklöchern gerechnet werden, wie Tests unterhalb der Fuorcla da Punteglias schön aufgezeigt haben.

Im Val Punteglias erwarten mich nochmals 750Hm Aufstieg. Ich folge der breiten Geröllhalde, welche auf 2700m in Gletscherschliff-Platten übergeht. Prinzipiell könnte man diese auch direkt begehen. Der Führer empfiehlt deren Umgehung auf der Nordseite, ich mach's südseitig durch ein Schuttcouloir zu Füssen des Piz Curtin. Das geht ganz passabel (T5), auch wenn mir nicht ganz wohl ist dabei angesichts der Steinschlaggefahr. Anschliessend über schuttbedecktes Toteis in die Fuorcla Posta Biala (2844m) und weiter in leichter Kletterei auf den Piz Tgietschen (2926m); übrigens ein ziemlicher beliebter Gipfelname im rätoromanischen Sprachgebiet...

Der Gipfelaufschwung am Piz Posta Biala wirkt aus dieser Perspektive ziemlich abweisend. Übrigens, der Südgipfel (mit Kreuz und Buch) ist gemäss neuster Vermessung einen Meter höher als der Nordgipfel - bis 2001 war das umgekehrt. Orientierungspunkt für den Einstieg bildet eine markante, gelbliche Platte. Diese erreicht man direkt über den Verbindungsgrat vom Tgietschen, einzelne Felszacken auf der Nordseite umgehend. Unterhalb der Platte quere ich ausgesetzt nach rechts. Von hier zieht eine Rinne mehr oder weniger direkt bis zum Kreuz vom Piz Posta Biala (3074m) hoch. Das Gelände ist im Vergleich zum Urlaun eher anspruchsvoll (WS+ oder T6/II+). Erst im nachhinein entdecke ich das Topo im neusten Glarner Alpinführer: Offenbar steigt man besser links der gelben Platte durch den Blockschutt der Ostflanke hoch. Wer hat das schon ausprobiert? Man geniesst vom Posta Biala übrigens einen schönen Blick auf den zuvor bestiegenen Urlaun. Ebenso Blickfang sind die westlichen Brigelser Hörner (Crap Grond und Cavistrau Grond), welche so mächtig aus dem Val Punteglias ragen.

Mit bereits 2800 Aufstiegsmetern in den Beinen entlockt mir der bevorstehende Abstieg keine Freudenschreie... Auf dem mickrigen Rest des Posta-Biala-Gletschers kann ich noch etwas abrutschen, nach den Gletscherplatten wartet dann aber die knietötende Geröllhalde. Es macht unbedingt Sinn, diesen Gipfel früher im Jahr zu besteigen, wenn noch Schneefelder liegen. Das hat zuvor auch der Blick ins Gipfelbuch bestätigt: Die meisten (der immer noch sehr wenigen) Begehungen erfolgen jeweils im Juli. Auf der Camona da Punteglias (2311m) gibt's dann erstmal Kaffee und Kuchen. Und geduldig hör ich mir die Klagen von zwei Tödibesuchern an, wie elend weit der Zustieg ab Hütte doch gewesen sei... Der Rückweg zur Alp da Schlans verläuft ereignislos, man behalte hier den Wiederanstieg von gut 100m im Hinterkopf.


Zeiten
1:40  Puntegliashütte
2:15  Piz Urlaun
1:10  Gliemsstöckli
2:30  Piz Posta Biala
2:25  Alp da Schlans

Tourengänger: Bergamotte

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Geodaten
 31722.gpx Urlaun_Posta Biala

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Kommentare (7)


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Delta Pro hat gesagt:
Gesendet am 5. September 2016 um 20:54
Herzliche Gratulation zu dieser fantastischen Tour und der sportlichen Leistung!
Delta

ma90in94 hat gesagt:
Gesendet am 5. September 2016 um 22:24
Ein großartiger, ereignisreicher Arbeitstag in einer phantastischen Schuttarena, mit tollen und informativen Bildern, wie immer.
Schade, dass Du dir den Nordgrat des Posta Biala nicht zugetraut hast. Ich hab ihn nach einer Begehung vor vielen Jahren in ganz guter Erinnerung behalten, allerdings unter Umgehung des Gliemsstöckli westseitig, auch vom Urlaun her. Es war schon November und die Zeit knapp. Das hätte Dir einige Höhenmeter erspart.
Gruß Günter

Bergamotte Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 5. September 2016 um 22:58
Interessant zu hören! Du hast offenbar schon eine ganze Reihe wilder, ungewöhnlicher Touren auf dem Buckel.

Natürlich wär diese Variante sehr viel logischer und effizienter gewesen. Doch ich hatte keinerlei Infos darüber und der Grat sah nicht sehr "pflegeleicht" aus. Gemäss Führer ist das eine "ZS", was mir solo normalerweise eine Schuhnummer zu gross ist.

PStraub hat gesagt: Der Nordwest-Aufstieg (R. 649) ..
Gesendet am 15. September 2016 um 13:21
.. wäre sicher kürzer gewesen.
Ich bin einmal dort abgestiegen. Steil und schuttig, ja, aber für dich durchaus zu machen, vor allem im Aufstieg.

Im Übrigen: tolle Tour!

Bergamotte Pro hat gesagt: RE:Der Nordwest-Aufstieg (R. 649) ..
Gesendet am 15. September 2016 um 13:49
Zwei gegen eins, da kann ich mich der Wahrheit nicht mehr verschliessen. Das war dann wohl der Preis der unsorgfältigen Tourenplanung. Wobei, nur mit den Angaben im Führer hätte ich mich nie dort herangewagt.

morphine hat gesagt:
Gesendet am 8. September 2016 um 09:43
Hallo Bergamotte,

Gratulation! Lange, einsame und einfach großartige Tour hast Du da hingelegt. Das Val Punteglias ist wirlich ein Landschaftserlebnis. Bei meinem Tödiabenteuer waren die Felsgipfel damals Ende Oktober alle eis- und schneeverkrustet, was den wilden Eindruck noch verstärkte. Der Talschluss zählt für mich wirklich zu den urtümlichsten Landschaften, die ich in der Schweiz zu sehen bekommen habe. Der Piz Urlaun steht auch noch auf meiner Wunschliste. Dein Bericht und die tollen Bilder sind da eine Top-Informationsquelle.

Gruß
morphine

Bergamotte Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 8. September 2016 um 18:09
Vielen Dank für die netten Worte. Die Normalroute auf den Urlaun zählt für mich zu den schönsten Touren, die ich kenne. Und für einen Gipfel dieser Höhe sind die Schwierigkeiten erstaunlich bescheiden (falls aper).
An dieser Stelle noch herzliche Gratulation zur Schlossberg-Begehung. Ich hab den Bericht mit grossem Interesse gelesen.


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