Chli Rinderhorn über die Westflanke


Publiziert von Camox , 4. September 2016 um 08:30.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Frutigland
Tour Datum: 3 September 2016
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS   CH-BE 
Zeitbedarf: 8:15
Aufstieg: 1850 m
Abstieg: 1850 m
Strecke:Kandersteg Bahnhof - Eggeschwand - Waldhaus (Gasterntal) - Spittelmatte - Schwarenbach - Chli Rinderhorn [gleicher Weg zurück]

Das Rinderhorn ist ein bekannter und beliebter Hochtourengipfel im Gemmi-Gebiet. Deutlich weniger bekannt ist sein Nachbarberg, das Chli Rinderhorn, welches knapp die 3'000er-Grenze erreicht. Ich habe ihn diesen Samstag ab Kandersteg besucht. Dabei ergab sich eine Tour in recht anspruchsvollem Gelände. Es sind die steilen und unzuverlässigen Felshänge kombiniert mit einer ordentlichen Schotterauflage, welche dem Besteiger dieses Gipfels einiges abverlangen.

 

Startpunkt dieser Tour war also der Bahnhof von Kandersteg. Zu Fuss ging es zuerst durch das Dorf nach Eggeschwand. Dann entlang der tosenden Schlucht hoch zum Beginn des Gasterntals und dem dortigen "Waldhaus". Weiter führte mich mein Aufstieg vorbei am hübschen Schwalbenwurz-Enzian den Gurnigelweg hoch in die Region Sunnbüel, wo ich bei der Spittelmatte auf den Gemmiweg und ordentlich viel Wandervolk traf. Ich folgte diesem Weg weiter in Richtung Gemmi, wobei wie gewohnt die Abkürzung genutzt wurde. Bald bekam ich erstmals die Westflanke des Chli Rinderhorns zu Gesicht. Dabei wurde deutlich, wo die erste (unterste) Felsstufe über eine Rampe überwunden werden kann (auf der Landeskarte gut sichtbar). Ab Schwarenbach ging es auf dem Pass-Weg noch etwas weiter bis zu den S-Kurven auf rund 2‘140 müM. Dort verliess ich den Wanderweg und stieg links unter den verdutzten Blicken eines Murmelis in Richtung der Strommasten hoch. Dann weiter an hübschem Edelweiss vorbei über ein paar Hügel in Richtung der untersten Schotterhänge des Chli Rinderhorns und vorerst in Falllinie und leicht links haltend diese in Richtung der ersten Felsen hoch.


Damit verliess ich die grüne Landschaft und begab mich in steiniges Gelände. Die Felsen der ersten Stufe erreicht, traversierte ich diesen entlang nach links zur Rampe und stieg dort immer noch nahe den Felsen relativ angenehm empor (siehe Übersichtsdarstellung). Oben angekommen ging es noch kurz weiter in diese Richtung über Felsstufen und dann steuerte ich einen auffälligen, hellen Felsklotz, relativ direkt in Falllinie über mir, an. Kräfteraubend war dieser Aufstieg im steilen Schotter und wieder ein paar kleinere Felsstufen galt es zu übergehen. An den oben liegenden Felswänden angekommen ging ich nahe diesen entlang nach rechts und gelangte so in einen Kessel und zur zweiten Felsstufe. Diese klettere ich zuerst direkt über einen kleinen Absatz hoch (kurz II) und dann leicht links haltend über Geröll-bedeckte Felsen und später über steiles Geröll in Falllinie weiter hoch. Dabei steuerte ich wieder die direkt über mir liegenden Felsen an. Diese erreicht, traversierte ich leicht absteigend nach links. Diese Traverse unter den Felsen konnte ich manchmal auf kleinen Terrassen begehen, was die Sache recht angenehm machte.

 

Bei dieser oberen Traverse lief ich direkt auf ein paar Felsen zu, welche ich rechts haltend erkletterte (Stellen II). So erreichte ich das untere Ende eines weiteren, steilen und langen Schutthangs, über welchem der SW-Grat liegt. Ich stieg diesen nun leicht rechts haltend hoch. Den Grat erreicht, musste ich diesem noch ein ordentliches Stück in Richtung des höchsten Punktes folgen. Dieser Schlussaufstieg war in technischer Hinsicht aber recht anspruchslos zu begehen und ich erhaschte dabei eindrückliche Tiefenblicke auf den Aufstiegsweg zum Rindersattel. Dann stand ich bald auf dem höchsten Punkt des Chli Rinderhorns.
 

Ich muss zugeben, meine Freude am Erreichen des Gipfels hielt sich durch den fordernden Aufstieg und dem Wissen des bevorstehenden Abstiegs stark in Grenzen. Zumindest die Aussicht auf dem Gipfel hätte aber ein grosses Potenzial zur Freude! Das Rinderhorn grüsst von nah herüber und das Tal runter hat man einen herrlichen Weitblick. Als Aussichtspunkt also sehr lohnenswert! Das entging mir glücklicherweise in dem Moment nicht ganz. Ich ass hier noch etwas, um wieder zu Kräften zu kommen. Nur das mitgeführtes Kaffee-Joghurt liess ich unangetastet, mit Bedacht auf dessen sympathomimetische Wirkung.
 

Bald nahm ich den Abstieg in Angriff, an sich alles auf gleichem Weg, wie im Aufstieg. Dem SW-Grat folgte ich noch runter bis zum ersten auffälligen Absatz und dann stieg ich rechts in die Flanke ein. Diese ist von oben her gesehen eine einheitliche, weite Schotterebene, was die Orientierung nicht leicht macht. Der Einstieg in die erste Kletter-Stelle war aber mit einem auffälligen, spitzen Stein markiert, den ich schon von weitem sehen konnte. Diesen erreicht, kletterte ich vorsichtig diese Felsen runter. Die Traverse gelang dann wieder recht mühelos. Dann aber folgte der schwierigste Teil, der Abstieg zur zweiten Felsstufe runter. Hier schlich ich geradezu über das lose Geröll und hielt den Körperschwerpunkt nahe am Boden. Denn ausrutschen wollte ich hier keinesfalls. Im gesamten Abstieg vom Chli Rinderhorn und hier besonders muss man diszipliniert nach festen Tritten und Griffen suchen. Es finden sich beim Kontakt mit dem Fels viele „bad friends“, also Kontaktpunkte, die unter Belastung nicht halten oder ein Kugellager bilden. Im nächsten Teil des Abstiegs kletterte ich vorsichtig die zweite Felsstufe runter und ging dann rechts unter den Felshängen weiter zur unteren Traverse. Nun galt es noch den steilen, unteren Geröllhang über der ersten Felsstufe zu meistern. Hier erforderten vor allem die Abschnitte Konzentration, bei welchen der Fels an die Oberfläche in Erscheinung trat. Nach diesem Abschnitt zeigte mir linkerhand ein auffälliges Steinmandli, dass ich nun über der Rampe war. Diese forderte im oberen Teil nochmals leichte Kraxelei über die Felsstufen. Im unteren Teil war sie aber einfacher. Dann erblickte ich das Geröllfeld unter den Felsen des untersten Bandes und ich sah, wie es angenehm und gefahrlos ins Grün ausläuft. Erleichterung machte sich breit! "Geschafft", dachte ich. Der gesamte Abstieg ab dem Grat bis zur Rampe runter forderte also höchste Konzentration und man sollte sich hier genügend Zeit lassen. Nun aber surfte ich im oberen Teil das Feld in feinem Schotter genüsslich runter. Dann lief ich weiter unten nun durch groben Schotter weiter bis gegen die ersten Wiesen. Hier hielt ich mich für den weiteren Weg in Richtung Süden und erreichte so wieder den Gemmiweg. Auf gleicher Strecke wie im Aufstieg lief ich meinem Ziel Kandersteg entgegen. Insbesondere der Gurnigelweg kam mir im Abstieg gerade recht und half mir dank seiner vielen Schönheiten, mich wieder etwas zu entspannen. Nahe dem Bahnhof dann ein Blick zurück auf meinen heutigen Gipfel. Noch konnte ich es nicht richtig glauben, dass ich dort oben war.

 

Bemerkungen zum Chli Rinderhorn

  • Im SAC-Büchlein steht für diese Route die Bemerkung "sehr selten begangen". Diesen Eindruck hatte ich auf meiner Tour auch, denn ich fand ausser den Steinmandli’s keine Spuren von einstigen Gipfelanwärtern. Wie oben aber geschrieben lohnt sich der Gipfel definitiv wegen seiner tollen Aussicht.
  • In mehreren Berichten habe ich gelesen, dass man an diesem Berg gut auf die Orientierung achten muss. Mir war es eine grosse Hilfe, dass ich eine bunte Kreide mit dabei hatte. Im Aufstieg habe ich damit in regelmässigen Abständen Pfeile auf den Stein gemalt. Im Abstieg war dies eine grosse Hilfe. Nur schon mental, da man wusste, dass man hier bereits hochgekommen ist. Ferner hatte ich ein GPS dabei.
  • Besucht man den Gipfel nicht solo, ist auf Steinschlag zu achten! Bei mir war es trotz Rücksichtnahme mehrmals unvermeidlich, dass sich Steine lösten und weit die Flanke runter in die Tiefe stürzten. Dies kann auch in den Geröllfeldern passieren. Diese sind zeitweilig so steil, dass sich selbstfliessende Gesteinslawinen ergeben können.
  • Wasser findet man zuletzt im Bach kurz nach dem Schwarenbach. Da man lange im Geröll unterwegs ist, sollten genügend Reserven vorhanden sein.
  • Ich hatte für diese Tour ein Seil mit dabei, das ich allerdings nicht einsetzten konnte. Denn dort, wo es hilfreich gewesen wäre, fand man im abwärtsgeschichteten und losen Fels keine Verankerungsmöglichkeit.
  • Theoretisch könnte man über den Grat zum Rindersattel Auf- oder Absteigen. Nach dem Bericht von Bambula habe ich dies aber gar nicht erst versucht, da ich es für zu schwierig hielt.
  • An der Stelle gleich noch ein Danke an Bambula für seinen eindrücklichen Bericht! Er war mir sehr hilfreich bei der Tourenplanung; auch dank der Fotoskizzen und dem Kommentar von daenu1970!

26 Kilometer in der Horizontalen
Tour im Alleingang

Tourengänger: Camox


Galerie


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