Einer wilden Frau davongeflogen...


Publiziert von Maisander , 30. August 2016 um 00:47.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Frutigland
Tour Datum:25 August 2016
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE 
Zeitbedarf: 7:00
Aufstieg: 2100 m
Abstieg: 450 m
Kartennummer:1248

Gewisse Dinge lernt man nie im Leben: ich zum Beispiel schaffe es immer wieder, mir in brütender Hitze um die Mittagszeit einen reichlich sonnenexponierten, schweisstreibenden Aufstieg aufzuhalsen. Als könnte man nicht schon ein bisschen früher aus den Federn und die kühlen Morgenstunden nutzen. Aber eben. Genügend Schlaf ist auch wichtig im Leben und wenn man am Vorabend erst spät von der Arbeit zurückkehrt, muss man abwägen...

Das tolle Wetter und die windarmen Verhältnisse will ich nutzen für ein Hike&Fly auf einen Berg, wo ich noch nie war. Die Wildi Frau bietet nebst kurzer, aber anregender Kletterei einen idealen Gleitschirm-Startplatz bei der Blüemlisalphütte, und so ist die Wahl leicht. Wenn nur der lange, heisse Anstieg nicht wäre. 

Kurz vor Mittag - das ist nun wirklich DIE ideale Startzeit an einem Hitzetag wie heute! - wandere ich los in Kandersteg. Dort gibt es bekanntlich eine Gondelbahn hinauf zum Oeschinensee, mit welcher man sich die ersten wohl heissesten Meter schenken könnte. Doch meine heute nervenzerreissende Bergsteiger-Ethik sagt mir: nix da, hier gehst du Fuss hoch. Ich glaube ich muss eifach noch ein paar Jahre älter werden, dann werde ich mir solchen Luxus sicher auch gönnen...

Über diesen ersten Teil des Aufstiegs brauche ich mich nicht weiter auszulassen, kurz: die Hitze war zermürbend, die Last des Gleitschirms erdrückend und der Schweiss triefte unaufhörlich...

Bei der Bergstation fülle ich erstmal meine Wasservorräte nach und begebe mich dann via Heuberg zum Oberbärgli - nicht weniger heiss ist dieser Abschnitt, dafür mit schönen Tiefblicken auf den See und die umliegenden Berge. In den nachfolgenden steilen Halden schlägt mir die Hitze nun wahrlich aufs Gemüt, ich fühle mich nicht mehr wirklich fit und leichte Bauchschmerzen quälen mich. Da fällt mir ein, dass es hier in der Nähe noch einen weiteren See - den Rossbodensee - geben muss. Ich zweige rechts vom Weg ab und finde bald ein kleines Juwel - absolut menschenleer und still liegt dieser Gletschersee in einer weiten Geländemulde. Endlich eine Abkühlung! - Zum Baden zwar nicht ganz praktisch weil man auf dem Schlick immer wieder ausrutscht, doch egal, es gibt einfach nichts besseres als hier etwas herumzuschwadern!

Nach einer Pause kraxle ich über Felsen und Geröll zurück auf den Hüttenweg. Noch weit scheint es bis zur Hütte, aber der Anblick täuscht zum Glück. Schon bald sitze ich auf der Terrasse und gönne mir ein Cola, ehe ich zu meinem Gipfelziel aufbreche. Den Schirm trage ich bis zum Einstieg der Kletterei hoch in der Hoffnung, weiter oben evtl. auf einem Schneefeld abheben zu können. Doch diese Pläne zerschlagen sich bald wieder, zu verlockend ist der von grobem Geröll befreite Startplatz gleich neben der Hütte. 

Nun also Markierungen und Steinmännern folgend auf ein Plateau. Über diesem befindet sich die erste Steilstufe. Der Weg zieht nun rechts weg durch eine Schwachstelle, ich entscheide mich für ein direktes, brüchiges Couloir hinauf zum oberen Schuttband auf etwa 3150m. Nun wieder Steinmännern folgend unterhalb eines grösseren Schneefelds traversieren. Irgendwann erblicke ich dann den gut bepinselten Einstiegspunkt in der Schlusswand. Anstatt nun das Schneefeld südlich zu umgehen steige ich direkt über dieses auf. Keine gute Idee, denn als ich das Schneefeld verlasse, treffe ich auf furchtbar rutschwilliges Geröll. Es ist gar nicht steil hier, aber das Zeug ist so lose, dass ich mehrere Male kleinere Gerölllawinen lostrete. Besser weit ausholen und direkt unter den Felsen zum Einstieg queren. 

Nun deponiere ich alles unnötige, rüste mich mit Gstältli und Standschlinge aus (für den Fall, dass ich die Nerven verlieren würde und mich an einem Haken kurz einhängen und ausruhen könnte…) Die ersten Klettermeter sind in der Tat die anspruchsvollsten, und zwar meiner Meinung nach nicht aus technischer Hinsicht, sondern weil man wichtigen Griffen und Tritten nicht hundertprozentig vertrauen kann. Wäre man gesichert, ist dies nicht so tragisch, doch so ohne Seil an irgendwelchen zweifelhaften Griffen baumelnd, ist nun wirklich nicht mein Ding.
Immerhin ist man nicht weit über dem Boden, ein Sturz würde nicht im Jenseits enden, aber dennoch ist mir die Sache etwas zu knusprig, weshalb ich mich am zweiten Bohrhaken mit der Nabelschnur einhänge und erst dann den heiklen Kletterzug vollbringe. Nun hats wieder anständige Bödeli, die Crux ist geschafft und durch einen leichten Kamin gehts zügig nach oben. Zuletzt über Schuttbänder und einen schönen Grat auf den Hauptgipfel und denjenigen nördlich davon mit Gipfelbuch. Insgesamt gut fünf Stunden benötigte ich von Kandersteg bis hierher, von der Hütte bis zum Gipfel war es glaube ich gut eine Stunde.

Beim Abstieg erweist sich mein 30m-Seil als völlig genügend: die untere Kletterstelle seile ich ab, die obere klettere ich ab, wobei man auch hier ca. 15m abseilen könnte. Unten angekommen, entdecke ich eine weitere mit Haken ausgestattete Linie wenige Meter rechts neben der Einstiegslänge. An einem markanten Riss bieten sich hier viele Griff- und Trittmöglichkeiten, doch ob dies schlussendlich einfacher wäre, weiss ich nicht, denn auch hier ists beinahe senkrecht...

Den Gleitschirm wieder gesattelt gehts zurück zur Hütte. Vor zwei Stunden herrschte hier noch adretter Aufwind, nun, um sechs Uhr Abends, ist daraus ein laues Lüftchen geworden. Dank einem netten Starthelfer gelingt das Abheben aber ohne Probleme. Beobachtet von zig Hüttenbesuchern mache ich mich auf den einfachsten Weg nach Kandersteg: durch die Lüfte, vorbei an imposanten Gletscherabbrüchen, über den glitzernden Oeschinensee und im Licht der letzten Sonnenstrahlen. Ein wunderbar stimmiger Abschluss dieser abwechslungsreichen Tour...

Nur eine knappe halbe Stunde nach Abflug bei der Blüemlisalphütte lande ich in Kandersteg und blicke zurück zu meinem nun schon sooooo weit entfernten Gipfelziel… Schön wars!


Tourengänger: Maisander


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Kommentare (2)


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Camox hat gesagt: Stark
Gesendet am 30. August 2016 um 07:04
Yeess!! Ächt cooli Aktion!! Komplimänt.

sglider hat gesagt: wildi Frau up'n'down
Gesendet am 11. September 2016 um 13:12
wow, sehr schön!


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