Piz d'Agnel 3204 m (Überschreitung) - Aller brüchigen Rinnen sind Drei


Publiziert von Ivo66 Pro , 24. August 2016 um 20:53.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Oberhalbstein
Tour Datum:24 August 2016
Wandern Schwierigkeit: T5+ - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR 
Zeitbedarf: 7:00
Aufstieg: 1250 m
Abstieg: 1250 m
Strecke:La Veduta (Julierpassstrasse) - Val d'Agnel - P. 2792 m - Südostrinne - Piz d'Agnel - Fuorcla da Flix - P. 2741 m - Piz Campagnung - Felsenfenster - Val d'Agnel - La Veduta
Kartennummer:1:25'000 Bivio

Der Piz d'Agnel ist ein an sich einfach erreichbarer Gipfel auf dem langen Grenzkamm zwischen dem Oberhalbstein und dem Engadin. Wenig bekannt ist allerdings über die direkten Zustiege aus dem Val d'Agnel; der Gipfel wird fast ausschliesslich von der Fuorcla da Flix aus erreicht. Djenoun beschrieb den wohl anspruchsvollsten heute noch begangenen Zustieg über den langen Südgrat.

Der SAC-Clubführer erwähnt, dass im Jahre 1883 erstmals eine Route durch die Südostflanke durch Robert Reber begangen wurde. Welche Variante er wohl genommen haben wird? Beim Anblick der Südostflanke fallen drei Rinnen ins Auge, die mir schon lange keine Ruhe lassen. Aus der Ferne, ja selbst von unten am Gipfelaufbau sind sie schwer einzuschätzen bezüglich Steilheit und Schwierigkeit. Dem vorher erwähnten Buchwerk kann entnommen werden, dass die Rinnen steil und schuttbeladen sind. Beides können wir nur bestätigen.

Wir hatten dann in der Südostflanke wie erwartet zu kämpfen: Die erste Rinne versuchten wir gar nicht erst, da sie von unten beim Anstieg zu steil schien. In der zweiten Rinne arbeiteten wir uns bis etwa zur Hälfte hoch, bis wir im steilen Schutt nicht mehr vorwärts kamen... Blieb also noch die dritte Rinne. Tatsächlich machte sie einen recht gutmütigen Eindruck und mit etwas Umsicht standen wir bald auf dem Grat. Doch dann kam die Ernüchterung, als ich nach einer schönen Kletterei am Grat unvermittelt an einer Abseilstelle stand. Wir waren also etwas zu weit unten auf dem Südgrat gelandet; es blieb nur der Rückzug.

Schliesslich beschloss ich, die erste Rinne doch noch genauer zu betrachten: Tatsächlich ist sie im unteren Bereich sehr steil - die eine oder andere Kletterstelle im 2. Grad verlangte ordentliches Zupacken und immer wieder folgten schuttige Abschnitte. Doch bald erkannte ich, dass, je weiter ich hochstieg, mehr und mehr von Felsrippen und Platten profitieren konnte. So folgte mir auch Lena und tatsächlich erreichten wir den obersten Teil des dort breiten, aber immer noch steilen Südgrats, der uns zuletzt über Geröll ohne weitere Schwierigkeiten zum Gipfel führte.

Auch heute war die Fernsicht traumhaft und das Gipfelpanorama entsprechend grosszügig. Im Gipfelbereich wehte dann auch kein Lüftchen mehr und trotz der Höhe von 3200 m. ü. m. hielt man es im T-Shirt gut aus. Wir beschlossen spontan, aus der Gipfelbesteigung eine Überschreitung zu machen und stiegen über die Fuorcla da Flix zum Fuss des Bergs ab, wo wir eine lange, weglose Querung Richtung Piz Campagnung vor uns hatten. Wir haben auch die Möglichkeit in Erwägung gezogen, zum Wanderweg Richtung Fuorcla digl Leget abzusteigen, doch hätte uns dies etwas zu viel Höhe gekostet, weshalb wir gleich noch den Piz Campagung bestiegen. 

Im Abstieg von diesem populären Skiberg wollten wir endlich einmal das berühmte Felsenfenster im Val d'Agnel aus der Nähe betrachten. Ein Abstecher, der sich gelohnt hatte, denn dieses Kunstwerk der Natur ist sehr eindrücklich: Es hat einen Durchmesser von etwa 5 Metern.

Letztlich ist aus unserer Gipfelbesteigung eine tolle Überschreitung und Rundwanderung geworden in und rund um das schöne Val d'Agnel. 

Routenbeschreibung:

Julierpassstrasse - Val d'Agnel (ca. 2800 m. ü. M.) T2
Vom Parkplatz an der Julierpasstrasse unterhalb des Gasthauses La Veduta folgt man dem markierten Bergwanderweg Richtung "Fuorcla d'Agnel". Wir verliessen den Weg nach einen kurzen Aufstieg nach der Hochebene auf etwa 2600 m. ü. M. nach links. Wir kamen dort an einem kleinen Bergseelein vorbei und folgten weiter über meist angenehm zu begehendes Gelände nach Norden.

Val d'Agnel - Piz d'Agnel (Südostflanke) T5+
Wir wanderten über Moränenschutt immer in nördlicher Richtung dem Gipfelaufbau des Piz d'Agnel entgegen. Eine recht steile Schutthalde führt zum Bereich mit den verschiedenen Rinnen in der Südostflanke hinauf. 

Für den Aufstieg zu empfehlen, ist die erste Rinne von Osten aus gesehen. Im unteren Bereich ist etwas Kletterei (II) erforderlich. Man orientiert sich am besten an den felsigen Bereichen. Nach einem kurzen Aufstieg über Schutt sind wir etwas nach rechts gequert und folgten dort einigen Felsrippen, die guten Halt bieten. Im oberen Bereich folgt man über Schrofen und erreicht später wieder schuttiges Gelände, welches steil zum Gipfelgrat führt. Der Schlussaufstieg zum Gipfel über den obersten Teil des Südgrats ist dann ohne Schwierigkeiten.

Piz d'Agnel - Fuorcla da Flix (T2)
Auf deutlichen Wegspuren in Gratnähe steigt man leicht zur Fuocla da Flix ab.

Fuorcla da Flix - P. 2741 m (T3+)
Der Abstieg ist an einem Fels rot signalisiert mit "Alp Flix". Die Wegspur durch Geröll ist kaum zu verfehlen und immer wieder mit Steinmännchen markiert. Bei einem Holzwegweiser steigt man steil nach links ab und folgt weiter den Pfadspuren durch schuttiges Gelände.

P. 2741 m - Piz Campagnung (T3)
Etwas oberhalb von P. 2741 m stiegen wir eine Schutthalde nach Südosten ab und peilten dort ein Bergseelein an. In der Folge querten wir den langen Geröllhang ohne grossen Höhenverlust nach Süden, wo wir P. 2609 m erreichten. Wir stiegen in der Folge nach Südwesten Richtung P. 2783 m östlich des Piz Campagnung auf. Noch vor Erreichen der Grathöhe wechselten wir die Richtung und stiegen auf offensichtlicher Route zum Gipfel des Piz Campagnung auf.

Piz Campgagnung - Val d'Agnel (via Felsenfenster) T3
Vom Piz Campagnung stiegen wir direkt über Geröll, Schrofen und Gras nach Süden ab und wanderten in der Folge über Schutt östlich an P. 2752 m vorbei. Hält man die Richtung, erreicht man bald das markante Felsenfenster. In der Folge hält man sich weiter nach Süden und trifft dann bald auf den markierten Bergwanderweg, der ins Val d'Agnel hinunterführt.


Tourengänger: Ivo66, Lena


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Kommentare (4)


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berglerFL hat gesagt:
Gesendet am 24. August 2016 um 21:06
Bin heute über den Julier gefahren und hab noch gedacht das ihr bestimmt irgendwo da unterwegs seid... ;-)

Schöne Tour!

Gruss
Simon

Ivo66 Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 24. August 2016 um 21:17
Ja, die Wahrscheinlichkeit, an einem solchen Tag dort unterwegs zu sein, ist bei uns schon ziemlich gross;-)

Gruss Ivo

Ceraina hat gesagt: RE:
Gesendet am 1. September 2016 um 10:28
Guten Tag Ivo
Sie haben immer so wunderschöne Fotos und so geniale Tourenbeschreibungen. Dafür möchte ich ihnen herzlich danken.
Freundliche Grüsse Ceraina Davos

Ivo66 Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 2. September 2016 um 19:07
Danke Ceraina für das Kompliment. Ich werde mich weiterhin bemühen...

Liebe Grüsse
Ivo


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