Brienzergrat, to T5 or not to T5


Publiziert von michfuchs , 17. August 2016 um 21:24.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum:13 August 2016
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: Brienzergrat   CH-BE   CH-LU   CH-OW 
Zeitbedarf: 7:00
Aufstieg: 1300 m
Abstieg: 2300 m
Strecke:Brienzer Rothorn - Harderkulm
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Schüpfheim (Zug) - Sörenberg (Bus) - Brienzer Rothorn (Gondel)
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Interlaken Ost (Zug) - Harderkulm (Standseilbahn)

Gesamtzeit: 7h00

Höchster Punkt: 2350m

Höhenmeter: +1300m, -2300m
 

Laufzeit laut Wegweisern: ?

Reine Laufzeit: ca. 6h20 (schnell)
 

Distanz: 22.5km

Zeiten (wenige Pausen):

  • Brienzer Rothorn 10:00
  • Tannhorn 12:00
  • Allgäuwlicke 12:50
  • Augstmatthorn 14:45
  • Harderkulm 17:00

Wenn du den Brienzergrat einmal gesehen hast, geht er dir so leicht nicht mehr aus dem Kopf. Trotzdem brauchte ich fast zehn Jahre, um mich doch endlich aufzumachen, seinem Ruf zu folgen. Mit T5 ist er in einem Schwierigkeitsgrad bewertet, dem ich bisher aus dem Weg gegangen bin, und die scharfen Graskanten aus der Ferne betrachtet liessen mich schon auch die Vorfreude mit etwas Schaudern mischen. Natürlich sind die meisten Stellen dann aus der Nähe einiges weniger tragisch als von fern, aber trotzdem empfand ich die erste Hälfte dieser Wanderung als mental anstrengend, denn abschüssig ist es da häufig. Insgesamt für mich einen Schluck schwieriger als die T4 Wanderungen, die ich bisher gemacht habe, deshalb scheint T5 berechtigt.

Nach kurzem Übermutsausflug auf den Schöngütsch kriegte ich schon mal die ersten Grenzen aufgezeigt und musste etwas zurücklaufen, um den richtigen Weg zu finden. Beim Lattgässli hatten die einzigen Steinböcke, die ich an diesem sehr sonnigen Tag zu Gesicht kriegte, schattige Zuflucht gefunden. Über den Chruterepass und Briefegrätli, aufs Briefehörnli mit der vorgelagerten Burg, Wannepass und Balmi, spätestens jetzt war's vorbei mit Gipfeln zählen. Der schmale Pfad führt häufig 1-2 Meter links unter dem Grat entlang, was die Ausgesetztheit etwas abschwächt, aber ganz entspannt läuft es sich nur selten.

Beim Tannhorn war ich auf die oft beschriebene Schlüsselstelle gespannt, und kratzte mir davor die Erde aus dem Schuhprofil, welche meine Schuhe recht rutschig gemacht hatte. Bei nasser Witterung würde ich die Wanderung nicht unternehmen. Die mit einem schlaffen Schnürsenkelstahlseilchen "gesicherte" T5-Stelle, die man südseitig vom Grad passiert, muss man sich zwar etwas festhalten, aber ich empfand dies als deutlich weniger schwierig als die direkt darauf folgende Gratpassage, bei der die Steilheit links und rechts so gross ist, dass ein Fehltritt wahrscheinlich der letzte wäre.

Auf dem Tannhorn verweilte ich nicht lange, auch weil dies schon andere taten. Allgemein waren einige Leute unterwegs, aber es auf die Länge verteilt sich das dann doch ziemlich gut. Ein etwa 50jähriger Norddeutscher (aus der Nähe von Kiel, wie er betonte) kam mir entgegen und fand es tröstlich, dass er nur noch etwa dreieinhalb Stunden bis zum Rothorn vor sich hatte. Er war schon um sieben auf dem Augstmatthorn gewesen, und entsprechend früh in Habkern gestartet. Ich überlegte mir kurz, ob der umgekehrte Weg mit weniger Abstieg als Aufstieg vielleicht die bessere Variante wäre, aber kam zum Schluss, dass es doch angenehmer war, mir die grösseren Schwierigkeiten zu Beginn vorzuknöpfen.

Die letzte Stelle, die mir noch einmal etwas Adrenalin bescherte war der Abstieg vom Allgäuwhoren zur Allgäuwlicka. Danach ist es zwar immer noch häufig steil, etwa rauf aufs Schnierenhireli, aber für mein Gefühl nicht mehr wirklich ausgesetzt - kann aber auch an der mentalen Abstumpfung gelegen haben.

Sobald es aufwärts ging fühlte ich mich stets gut, abwärts schmerzten teilweise doch bereits die Knie etwas. Entsprechend genoss ich den Aufstieg zum Augstmatthorn, da hat man endlich das Gefühl, ein paar Meter zu steigen ohne dass es gleich wieder runter geht.


Vom Augstmatthorn an finden sich dann auch noch einmal deutlich mehr Leute, und sobald der Weg unterhalb vom Hardergrat/Tritt in den Wald führt, vermisst man die Grataussicht. Die Wanderzeit von 2h30 für Augstmatthorn - Harderkulm ist meiner Ansicht nach zu kurz angegeben. Mit einem Tempo, bei dem ich normalerweise mindestens einen Drittel auf die angebene Zeit einspare war ich 2h10 unterwegs, bevor ich auf der von Touristen und Sonne überfluteten Restaurant-Terrasse stand.


Zu Hause angekommen las ich, dass nur 5 Tage zuvor ein 61jähriger Wanderer am Briefengrat tödlich verunglückt ist. Da ist es irgendwo klar, denkt man auch über den Sinn des eingegangenen Risikos nach... Einerseits möchte ich die Erfahrung des Brienzergrats bestimmt nicht missen. Zu eindrücklich war sie dafür, und während in diesem Schwierigkeitsgrad für mich viel Konzentration gefordert ist, kommt auf der positiven Seite mehr Adrenalin zurück. Andererseits ist für einen Typen, der mehr Entspannung und sportliche Betätigung sucht als die Aufregung, dies nicht unbedingt das Ziel. Ich denke wer von der Allgäuwlicka zum Augstmatthorn läuft, hat auch schon einen Grossteil der Schönheit des Brienzergrats erlebt, und war weniger ausgesetzt. Wie dem auch sei... jetzt denke ich ständig an den Niesengrat :/.
 


Tourengänger: michfuchs


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Kommentare (7)


Kommentar hinzufügen

danueggel hat gesagt:
Gesendet am 17. August 2016 um 21:41
Danke für deinen Bericht zum Brienzergrat, ich denke auch mit Freude daran zurück.

Deine Einschätzung weckt in mir Erinnerungen: Damals wanderte ich mit meinem Kollegen vom Augstmatthorn zum Harder Kulm doch ziemlich zügig und regte mich bei der nächsten Zeitangabe jeweils tüchtig darüber auf, dass wir - wenn überhaupt - so wenig Zeit "gewonnen" hatten. Insofern finde ich deinen Kommentar zu den Zeitangaben äusserst zutreffend.

Wünsche dir, dass du den Niesengrat bald angehen kannst, es lohnt sich definitiv und das packst du!

Gruss - Daniel

michfuchs hat gesagt: RE:
Gesendet am 17. August 2016 um 22:08
Danke für die Aufmunterung, Daniel! Ich bin ziemlich sicher, dass ich nicht mehr lange um den Niesengrat herumkomme... ;)

Da du beide Touren schon gemacht hast, kannst du etwas sagen zum Vergleich der beiden?

Gruess, Mich

danueggel hat gesagt: RE:
Gesendet am 18. August 2016 um 21:35
Salü Mich

Gerne; in der Tendenz ist der Niesengrat etwas anspruchsvoller. Die Schlüsselstelle ist gleich zu Beginn des Grates beim Fromberhorn und entschärft (BH, Drahtseil).

Wenn du diese Stelle meisterst, klappt auch der Rest der Tour. Insofern also ideal, dann weiss man gleich zu Beginn, was Sache ist.

Greez - Daniel

Chrichen Pro hat gesagt:
Gesendet am 18. August 2016 um 07:42
Danke für den tollen Bericht zum Brienzergrat und Gratulation! Dieser Grat fasziniert mich auch schon seit mehreren Jahren. Bisnoch hatte ich noch nicht den Mut gefunden, mich an der Schlüsselstelle beim Tannhorn zu versuchen. Aber bald einmal sollte es gehen :-)

Gruss Christian

michfuchs hat gesagt: RE:
Gesendet am 18. August 2016 um 18:44
Hallo Christian. Wenn ich mir deine Berichte anschaue vermute ich, dass du dem Brienzergrat mehr als gewachsen bist - also drauflos :)! Fantastische Bilder machst du übrigens.
Gruess, Mich

Chrichen Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 19. August 2016 um 07:59
Vielen Dank! Sehr exponierte Gratpassagen und Querungen in steilen Schrofen gehören nicht gerade zu meinem Wohlfühlgelände, aber ich werde es sicherlich mal diese oder nächste Saison versuchen. Ist halt auch konditionell eine ziemliche Nummer.

Viele Grüsse, Christian

rhodiola hat gesagt: T5?
Gesendet am 6. Juli 2017 um 12:26
wir sind gestern einen teil der tour (brienzer rothorn - allgäuwlicke - obberriet) gewandert. die schlüsselstelle vor dem aufstieg zum Tannhorn ist mit dem stahlseil gut abgesichert, dh. max. T4+. etwas heikel ist der übergang vom ende stahlseil zu dem wirklich schmalen grätchen, aber dieses (nur wenige meter; und auch ein später folgendes) kann man notfalls auf allen vieren bewältigen :-) generell nur bei trockenem wetter, bzw. boden/gras zu empfehlen!! sonst eine absolut fantastische tour (aussicht, flora, schmetterlinge, etc.)


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