Spiez – Brig, human powered (via Hockenhorn)


Publiziert von Camox , 8. August 2016 um 13:49.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Frutigland
Tour Datum: 7 August 2016
Wandern Schwierigkeit: T4- - Alpinwandern
Mountainbike Schwierigkeit: SS - Fahrtechnisch sehr schwere Tour
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE   CH-VS 
Zeitbedarf: 9:30
Aufstieg: 2800 m
Abstieg: 2760 m
Strecke:Spiez – Reichenbach – Frutigen – Kandersteg – Eggeschwand – Selden (Gasterntal) – Lötschenpass – Hockenhorn – Lötschenpass – Lauchernalp – Wiler – Goppenstein – Gampel – Visp - Brig

Mit reiner Muskelkraft lassen sich ordentliche Tagesleistungen erbringen, was mich immer wieder ins Staunen versetzt. Man sollte sich öfters von der Leistung seiner eigenen "Maschine" überraschen lassen. Auch sie hat ordentlich was zu bieten und Spass macht es ohnehin gehörig. Meine neuste Tour im Stil "human powered" führte mich von Spiez nach Brig; zwei Ortschaften, die mir gut vertraut und sympathisch sind. Ich kannte die ganze Strecke von knapp 100 Kilometern über das Gebirge bereits, jedoch habe ich sie noch nie am Stück in Angriff genommen. Das hat sich letzten Sonntag geändert.

Gestartet bin ich in Spiez am Bahnhof mit meinem Velo. Zuerst folgte ich noch kurz der Bahnstrecke wieder in Richtung Thun bevor ich alsbald links in die Nebenstrasse in Richtung Spiezwiler und Reichenbach abzweigte. Kühl war der Morgen und ein früher Start um 7:10 Uhr hat sich somit schnell als vorteilhaft erwiesen. Bei meiner späteren Fahrt durch Kien wurde ich über eine Digitalanzeige darüber informiert, dass nur 11 Grad Lufttemperatur herrschen sollen. Das galt vermutlich auch nur bei der dortigen Kaltluftzone nahe dem Bett des Chiene-Baches. Weiter ging‘s auf meiner Tour östlich neben der Schnellstrasse nach Frutigen und auf dem Veloweg diese Verkehrsachse beim Viadukt mitsamt der Kander querend Richtung Kandergrund. Auch hier oben war der Talwind noch zu Gange, was mich zeitweise etwas zu bremsen vermochte.

Beim Kraftwerk Kandergrund verzichtete ich aufgrund meiner heutigen Velo-Wahl auf die weitere Befahrung des Veloweges nach Kandersteg hoch. Mit meiner 34:32 Übersetzung (vorne:hinten) hätte ich auf diesem Abschnitt wohl schlechte Karten gehabt. Stattdessen folgte ich der leider verkehrsreichen Strasse hoch nach Ogi-Town, wo ich nach 1.5 h ankam. Nach einer kurzen Pause beim Bahnhof Kandersteg fuhr ich entlang der Strasse durch das Dorf bis nach Eggeschwand und von dort aus hoch ins Gasterntal. Im ersten steilen Teil überholten mich drei Busse, welche zahlreiche Gäste in dieses Naturschutzgebiet beförderten. Nichts für empfindliche Mägen, nebenbei bemerkt. Mit meinem Gravelbike kam ich zu meiner Überraschung in diesem steilen Teil recht bequem fahrend vorwärts und zu meiner noch grösseren Überraschung konnte ich später alles bis nach Selden hochfahren. Der dazwischen liegende Teil in der flachen Talebene bereitete in dieser Hinsicht wie zu erwarten eh keine Probleme.

In Selden, wo ich bereits nach 2.3 h nach Tourenstart ankam, fuhr ich beim dortigen Restaurant noch zur neuen Hängebrücke runter und querte diese. Dann war fürs erste aber Schluss mit Fahren. Das Bike stossend und tragend ging es hoch in Richtung Lötschenpass. Wie zu erwarten war ich an diesem schönen Sonntag nicht alleine unterwegs und es ergaben sich auf der gesamten Passstrecke einige kurze Gespräche mit dem Wandervolk. Mit einem Bike auf dem Rücken, das für den Laien wie ein Rennvelo aussah, kam ich dabei recht schnell in Erklärungsnot. Die Strecke den Pass hoch ist äusserst abwechslungsreich und landschaftlich attraktiv, was für die strenge Aufstiegsarbeit mehr als entschädigte. Im unteren Teil führt der Weg durch den Wald, später über steile Wiesen (dazwischen gab es noch ein kurzer fahrbarer Abschnitt), dann über den Gletscher, über dessen Moräne und steil über Felsstufen hoch. Und dann war das erste Ziel, der Lötschenpass, bereits erreicht.

Nach kurzer Pause entschloss ich mich noch das Hockenhorn zu Besuchen, da es erst halb Zwölf war. Das Bike wollte ich dabei nicht alleine lassen und ich nahm es auch auf dem weiteren Weg den Hang hoch mit mir mit. Die 3'000er-Grenze erreicht war ich dann etwas überrascht darüber, wieviel Schnee hier noch anzutreffen war. Darauf zu laufen ging halbwegs gut. Darauf zu fahren war aber leider nicht möglich, da zu die Oberfläche zu weich und meine Pneus dann doch zu schmal waren. Am Gipfelschneefeld war ich dann aufgrund der dünnen Luft etwas erschöpft, was sich auch im Schlussaufstieg die Felsen hoch nicht verbesserte. Entsprechend glücklich war ich dann, als der Gipfel des Hockenhorns erreicht war und ich mich im Windschatten etwas erholen konnte. Doch ganze 1.5 h brauchte ich ab dem Pass bis hier hoch. Die Aussicht und die Tiefenblicke waren aber ganz chic dort oben. Da lohnte sich auch ein dritter Aufstieg auf diesen Gipfel, wenn auch noch so anstrengend! In Shorts und T-Shirt konnte ich noch etwas die Aussicht geniessen. Dann ging es vorsichtig wieder den Gipfelkopf hinunter und dann schliddernd, fahrend aber auch stossend und tragend wieder zum Lötschenpass zurück.
Dort wählte ich für den Abstieg den Weg zur Laucherenalp. Dieser war im oberen Teil mit meinem Bike nur an kurzen Stellen fahrbar. Erst ab rund 2‘400 m.ü.M. gab es dann längere, fahrbare Abschnitte. Dazwischen lohnte es sich zumeist das Bike auch im Abstieg gleich zu tragen. Das war so nicht anders zu erwarten und gehörte nun mal zu meinem Vorhaben mit dazu. Ab den ersten Häusern der Laucherenalp, wo ich nach 15 Uhr ankam, konnte dann alles auf Asphalt gefahren werden.

Auf der kurvig-steilen Strasse fuhr ich so runter nach Wiler. Dann ging die Fahrt weiter durch das Dorf Kippel und nach Ferden, wo ich nochmals kurz eine Pause einlegte. Diese nutze ich auch dazu, um das Licht an meinem Velo zu montieren, denn es standen mir einige Tunnelquerungen bevor. So ging es in zügigem Tempo und ab und an durch kühle Tunnels die Hauptstrasse runter nach Goppenstein und in gleichem Stil weiter der Strasse folgend bis Luogle bei Pt. 1‘024. Dort beginnt ein längerer Tunnel, den ich mit dem Velo nicht passieren mochte. Ich weiss auch nicht, inwiefern dies gestattet wäre. Ob meine Alternativroute runter nach Gampel allerdings legal befahren werden durfte, wusste ich ebenso wenig. Denn an der dortigen Schranke war ein Begehungsverbot signalisiert, welches man aber ignorieren muss, wenn man den Wanderweg hinunter steigen wollte. Jedenfalls fuhr ich so der Lonza folgend das Tal runter und querte diesen Fluss zweimal. Die zweite Querung erfolgte bei einem Stauwehr, da die dortige Brücke, ein paar Meter davon flussabwärts, vor ein paar Jahren zerstört wurde (bei Klösterli, Pt. 776). Auf dem Abschnitt bis zu dieser zweiten Querung durch das enge Lonzatal fährt man auf einer herunter gekommene Strasse. Hier sollte man vorsichtig fahren, denn auf der Fahrbahn finden sich einige Hindernisse wie Schlaglöcher, Wurzeln, Äste oder Steine. Nach der zweiten Querung ist die Strasse dann wieder in gutem Zustand. Man trifft dann bei Pt. 692 wieder auf die Hauptstrasse, welcher ich noch ins Dorf Gampel folgte. Dann weiter mehr oder weniger dem Veloweg folgend nach Visp durch das Walliser Haupttal. Herrlich war es heute in dieser Ebene zu fahren, da mir der Wind gnädig gestimmt war und mich von hinten mit ordentlichem Schub versorgte. Wenig überrascht war ich, als ich bei einer Geschwindigkeitsmessung 33 km/h angezeigt bekam. Aber es war ja zum Glück keine 30er-Zone. Ab Visp folgte ich dann der Kantonsstrasse Nr. 9 weiter das Tal hoch. Linkerhand konnte ich mit Blick zur BLS-Südrampe stets abschätzen, wie weit ich von meinem Ziel noch entfernt war. Als die Rampe dann auf meiner Höhe das Rhone-Niveau erreichte, freute ich mich riesig; ich war tatsächlich in Brig angekommen. Ich fuhr noch zum Bahnhof, wo ich nach 9.5 h meine Tour zufrieden beenden konnte. Der Zug wartete bereits und ich konnte nur noch einsteigen. So ging es dann wieder heimwärts – und diesmal durch und nicht über den Lötschberg, nach Spiez zurück.

Bemerkungen
  • Allenfalls scheint es unlogisch, dass ich für diese Tour nicht das Mountainbike mit dabei hatte. Mein Gravelbike bot mir aber zwei entscheidende Vorteile: i) schnelles vorankommen auf Asphalt und auf Kies ebenso gute Fahrleistungen, ii) leichtes Gewicht und damit relativ komfortabel zum tragen. Mit dem Mountainbike wäre ich ausschliesslich im Gelände und nur auf wenigen Abschnitten technisch bevorteilt gewesen.
  • Richtig, man hätte das Bike nicht noch auf das Hockenhorn hochtragen müssen. Dass man dort überhaupt ein Velo hochträgt macht angesichts der wenigen fahrbaren Stellen im Abstieg für den Aussenstehenden wohl wenig Sinn. Wer aber meine Berichte hier auf Hikr kennt, der weiss, dass ich solche Aktionen ab und zu ganz gerne mache. Because it's possible und wo ein Wille ist, da ist bekanntlich auch ein Weg. Und bei dieser Aktion sind keine Drittpersonen zu Schaden gekommen oder in ihrer Freiheit beeinträchtigt worden. Ich schwöre ;-)
  • Ich habe auf der gesamten Tour meine Knöchel-hohen Bikeschuhe getragen. Für den Lötschenpassweg ist dies für den gut trainierten Läufer wohl ausreichend. Für das Hockenhorn wäre aber besseres Schuhwerk angebracht gewesen. Dort ist die Verletzungsgefahr im groben Schotter nicht zu unterschätzen. Auch der Halt im steilen Schnee, falls er noch hart wäre, kann man mit Bikeschuhen schnell verlieren.
  • Keine Schwierigkeiten hatte ich punkto der Versorgung mit Trinkwasser. Unterhalb des Gletschers sollten nochmals die Vorräte aufgefüllt werden, da erst im Abstieg zur Laucherenalp wieder Bäche anzutreffen sind. Alternativ gäbe es aber immer noch die SAC-Hütte.
  • Oftmals lohnte es sich, das Bike gleich zu schultern, statt es zu schieben und dann immer wieder kurz vom Boden über ein Hindernis zu heben. So kann einiges an Kraft eingespart werden.


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98 Kilometer in der Horizontalen
Tour im Alleingang

Tourengänger: Camox


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Kommentare (2)


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Alpenorni Pro hat gesagt: Sagenhaft !
Gesendet am 8. August 2016 um 14:28
Gratuliere sehr zu dieser tollen Tour und zur großartigen Leistung.
Für mich war das Hockenhorn von Kandersteg/nördl. Ortsrand aus, als Tagestour durchs Gasterntal hin und zurück, einst und nach wie vor eine meiner längsten Touren überhaupt.vor langer Zeit.
Wünsche weiterhin schöne Sommertouren,
ich starte in 1 Woche im Turtmanntal :-)
Grüße aus dem Norden
Martin

Camox hat gesagt: RE:Sagenhaft !
Gesendet am 15. August 2016 um 06:50
Danke für deine Worte, Martin! Naja, in einem Tag Kandersteg Hockenhorn retour finde ich jetzt auch eine ganz reslektable Leistung! Und wenn ich mir die Bilder von damals anschaue, hattet ihr mit ordentlich Schnee zu kämpfen. Ich konnte ja auf meiner Tour mal die Velo- und mal mit der Wandermuskulatur beanspruchen, was es wohl auch etwas leichter machte..
Nun freue ich mich für dich, dass du auch dieses Jahr wieder das Wallis besuchen kannst! Wünsche dir eine ganz tolle Zeit dort!

Grüsse, Markus


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