Combin de Valsorey, 4184m, Face NW "Couloir Benedetti"


Publiziert von danski , 25. Mai 2016 um 18:18.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Unterwallis
Tour Datum:21 Mai 2016
Hochtouren Schwierigkeit: ZS+
Ski Schwierigkeit: SS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 10:00
Aufstieg: 1600 m
Abstieg: 2700 m
Strecke:Cab. FXB Panossière - Gl. de Corbassière - Plateau des Maisons Blanches - NW-Wand - Combin de Panossière; Abfahrt dito mit Unterbrüchen bis Fionnay
Unterkunftmöglichkeiten:Cabanne FXB Panossière, offen bis 29.05., kein Winterraum!

Es gibt Träume, deren Verwirklichung viele Jahre auf sich warten lässt und dann plötzlich ist der Moment da, der Warterei ein Ende zu setzen. Die Valsorey NW-Wand ist so ein Traum. Oft ist sie zwar im Aufstieg machbar, doch zeigt sie dem Steilwandskifahrer ihr eisiges Gesicht, fehlt der nötige Halt, um mit zwei Skikanten dem Sog der Schwerkraft zu trotzen. Eher per Zufall sind wir dank einschlägig bekannter Tourenportale auf vielversprechendes Bildmaterial gestossen. Es sollte der Ausgangspunkt zu unserer Traumreise werden.

Ein Schönwetterfenster von Freitag bis Samstag nach einem Kälteeinbruch gefolgt von Niederschlag verspricht perfekte Voraussetzungen für das Gelingen unseres Unternehmens. Vor fast auf den Tag genau einem Jahr haben wir im Aufstieg zur FXB die Skis bis zum Ende der Bisse de Corbassière geschleppt. Ich wusste also, was mich am Zustiegstag erwarten würde. Zu meinem Erstaunen können wir nach rund 30 Minuten Fussmarsch bereits die Skis vom Rücken an die Füsse verlagern. Auf guter Spur gehts zügig voran und bald biegen wir ins Tal des Gl. de Corbassière ein. Wenn die Temperaturen nicht bereits so frühsommerlich wären, der Wintereindruck wäre fast perfekt. Entlang der Bisse buckeln wir unsere Skis, bevor unterhalb Plan Goli eine immer noch mächtige Schneedecke den Skiaufstieg erlaubt. Auf steiler Spur folgen wir dem Moränenkamm und erreichen nach 3 Stunden Aufstieg die Hütte, deren Architektur und originelle Crew ich auch dieses Mal schätze. Die 100 Schlafplätze sind zu gut 50% belegt und die Stimmung trotz früher Tagwache gelassen. Meine Gemütslage ist geprägt von Zuversicht und relativer Bedenkenlosigkeit. Sogar der Schlaf holt mich vergleichsweise rasch ein. Das sollten doch schon mal gute Vorzeichen sein!

Le grand moment

Wir haben die Wahl zwischen Frühstück um 02:30 und 05:00. Das eine ist zu früh, das andere zu spät. Im Zweifelsfall gilt in den Bergen aber natürlich immer lieber zu früh als zu spät. Um 03:00 verdrücken wir, so gut es halt um diese unmenschliche Tageszeit geht, unser Frühstück. Wir verlassen die Hütte als eines der letzten Teams um kurz vor 04:00. Der Vollmond taucht die umliegenden Berge in ein gespenstisches Licht, während wir uns zügig im Schatten des Combin de Corbassière über den gleichnamigen Gletscher bewegen. Nach 2 Stunden sind wir bereits auf dem Plateau des Maisons Blanches, was uns nun erlaubt, die NW-Wand erstmals aus der Nähe zu inspirieren. Im fahlen Licht des Morgens wirkt die Wand recht abweisend, doch die sichtbaren Eisflecken halten sich in Grenzen und können hoffentlich im linken Wandteil umgangen werden. Selbst der Ausstieg, welcher sich 700HM über uns erhebt, sieht machbar aus. Statt mich für die kommende Aufgabe zu motivieren, verspüre ich starke Zweifel. Schnell wird mir auch klar warum: In meinem Bauch klafft bereits ein Loch. "Du bist nicht du, wenn du hungrig bist". Die Werbung des bekannten Erdnuss-Caramel-Riegels scheint mir perfekt auf den Leib geschnitten... Glücklicherweise weiss ich um die Wirkung dieses Riegels und so esse ich einen, als wir auf 3500m beschliessen, die Skis für die kommenden 684HM aufzubinden. Die Wirkung der Nahrungszufuhr stellt sich nur zögerlich ein und so werde ich noch eine ganze Weile von negativen Gedanken bis hin zur Aufgabe verfolgt. Um mich etwas nützlicher zu fühlen, übernehme ich die Spurarbeit und siehe da, langsam bin ich wieder ich! Wir sind am westlichen Rand gestartet, um möglichst weit aus der Falllinie der Gardien-Séracs zu gelangen. Nun gewinnen wir traversierend langsam an Höhe. Die Steilheit nimmt schlagartig zu und es wird bis zum Ausstieg nur noch eines: Steiler und exponierter. Im zentralen Teil der Wand nimmt die Schneeauflage ab. Steigeisen und Pickel halten nur noch im Eis, was ganz schön in die Waden geht. Im linken, östlichen Wandteil ist es glücklicherweise wieder angenehmer. Natürlich gibt der Aufstieg auch immer Aufschluss über die Verhältnisse für die Abfahrt. Es gibt nichts heimtückischeres als auf von wenigen Zentimetern Pulverschnee kaschiertem Eis auszurutschen. Immer wieder gönne ich mir eine Handvoll Nüsse, die meinen Motor in Schwung halten. Das Ende rückt näher und man könnte unterhalb der oberen Begrenzungsfelsen etwas einfacher nach links hinausqueren. Mika spurt voraus und man merkt es an seiner Pace an, dass er gewillt ist, diesen jahrelang gehegten Traum nun auf der originalen "Benedetti-Route" endlich in die Realität zu überführen. Noch einmal ist die Schneeauflage etwas dünner, doch das Eis darunter ist recht weich. Unmittelbar unter den Felsen gilt es eine Traverse zu meistern, die dank tiefem Trittschnee zwar nicht schwierig ist, aber doch an den Nerven und Kräften zehrt. Von hinten ist nun ein Einzelgänger aufgeschlossen, dem ich bald den Vortritt gewähre. Er spricht mich erst auf Englisch an, doch dann hält er inne und nennt mich bei meinem hikr-nickname! Ich kann es kaum glauben und frage natürlich zurück. Seine Antwort: Lorenzo! Ich bin erfreut über diese Begegnung und es fällt mir gleich leichter, den Rest auch noch zu Ende zu bringen. Ein kurzes eisiges Stück erfordert noch einmal volle Konzentration, dann liegt die Wand nur noch in meinem Rücken. Yeah!!! Mein Bauch ist abermals leer und so besteige ich gefühlt meinen persönlichen Mount Everest. Die Freude über die erfolgreiche Durchsteigung überwiegt jedoch alles. Es ist 11:00 als ich den Gipfel erreiche. Unser Plan sieht vor, bis kurz vor Mittag auf dem Gipfel zu warten, damit die Sonne es in die Wand schafft. Ich habe also noch viel Zeit, um mich so gut es geht essenstechnisch zu regenerieren.

La pente raide

In der Zwischenzeit gönnt sich Lorenzo noch den Combin de Grafeneire, während wir es uns gemütlich machen. Mika schlägt vor, am Einstieg ein Seil einzurichten, an dem wir über die ersten recht harten, oberen Ausstiegsmeter in die Wand abrutschen können. Henkka, der 2 Finne in unserer finnisch-schweizerischen Schicksalsgemeinschaft und ich nehmen gerne an. Routiniert richtet Mika die Eissanduhren ein und testet sie gleich selber. Ich rutsche gesichert als Nr. 2 in die Tiefe. Natürlich ist das Seil bald fertig und es halten uns nur noch die Skikanten in der Wand. Der erste turn um die Skispitzen in östliche Richtung entlang der Traverse zu richten, gelingt routiniert. Puh, ruhig bleiben und sich vom 700m tiefen Abgrund bis hinunter zum Plateau des Maisons Blanches ja nicht nervös machen lassen. Der über 45° steile Mittelteil der Wand nehme ich aus dieser Perspektive beinahe als flach wahr. Kein Wunder, denn die folgende Traverse hat eine nicht ganz alltägliche Neigung von über 50°. Pickel einrammen, abrutschen. So bewältige ich die Traverse als erster, bevor es mir die anderen gleich tun. Nur Mika traut sich schon sehr bald skifahren in dieser Steilheit zu. Angespornt durch seine Fahrt durch den weichen Schnee setze nun auch ich zu meinem ersten turn im perfekten 50° steilen Schnee an. Wohooo, so geil! Ich muss es einfach so sagen. Das ist steep skiing vom feinsten! Alle Bedenken sind nun ausgeräumt und ich reihe schnaubend turn an turn. Kaskaden von Schnee schiessen in die Tiefe. Man sollte tunlichst seine Sturzbahn meiden, will man nicht hinuntergespült werden. Ebenso ist ein Ausflug in den verlockend aussehenden, zentralen Wandteil zu unterlassen, denn dort lauert tückisches Blankeis, was Mika zu spüren bekommt. Wir wechseln uns ab und es dauert wegen den vielen Fotostops eine ganze Weile, bis wir die Wand sicher geklärt haben. Lorenzo folgt uns und die letzten Meter fahren wir quasi parallel. Uns allen ist die grosse Freude ins Gesicht geschrieben. Wir trennen uns von Lorenzo, der via Col des Maisons Blanches zu seinem Ausgangspunkt Cordonne zurückkehrt. Ganz grosser Respekt vor seiner Leistung, den Combin de Grafeneire via Valsorey NW-Wand in einem Tag zu bewältigen! Wir folgen den vielen Spuren zurück zur Hütte. Glücklich, wer seine Skis frisch gewachst! Ich schätze mich in dieser vorteilhaften Lage und geniesse die samtweiche Abfahrt in völliger Unbekümmertheit. Bei der Hütte angekommen, führt kein Weg an einem kühlen Cardinal vorbei. Beschwingt nehmen wir die mittlerweile sehr nasse Abfahrt nach Fionnay unter die Skis. Dank dem vielen Schnee beschränkt sich die Schlepperei auf etwas mehr als eine halbe Stunde. Dann ist es endgültig geschafft!

Facts and Figures

Neigung: 670m, durchschnittlich 49°, Ausstieg > 50°
Technischer Ski-Schwierigkeitsgrad: 5.3, SS+
Ausgesetztheit: E3

Es war einmal mehr ein grossartiges Abenteuer mit meinen finnischen Freunden, Henkka und Mika, Spurmaschine à la Kimi Räikkönen (O-Ton Lorenzo), dessen Bilder ich hier publizieren darf. Weitere grossartige Skiunternehmungen sind hier vom sicheren desktop aus zu erleben: http://mikumerikanto.blogspot.ch/

Thanks buddies!



Tourengänger: danski


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Kommentare (5)


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orome hat gesagt:
Gesendet am 25. Mai 2016 um 21:36
Ein Knaller nach dem Anderen! Glückwunsch, dass ihr so eine Traumtour habt realisieren können! Da habe ich doch den Eindruck, Du arbeitest die Dinge in meinem Hinterkopf ab, die jetzt zu weit weg sind ... Die geilen Fotos sind dann aber schon sehr tröstlich ;)

Grüße
manu

danski hat gesagt: Merci!
Gesendet am 29. Mai 2016 um 12:36
Solange sie tröstlich sind und keinen Wehmut auslösen... ;)

orome hat gesagt: RE:Merci!
Gesendet am 30. Mai 2016 um 06:18
Nein, Wehmut wäre übertrieben, aber das Unterwallis und Chamonix könnte im Frühjahr doch etwas näher sein ;)

xaendi hat gesagt:
Gesendet am 26. Mai 2016 um 07:35
Krasse Sache! Gratuliere :-)

lorenzo Pro hat gesagt: Einfach Klasse
Gesendet am 26. Mai 2016 um 21:47
Hallo Danski

mit grossem Vergnügen habe ich die Tour nochmals aus Deiner Perspektive miterlebt und dabei die prächtigen Fotos von Dir und Mika genossen!

Vielen Dank und Grüsse

lorenzo


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