Alpsteindurchquerung von Wildhaus nach Brülisau mit Abstecher zum Jöchli (2335 m)


Publiziert von marmotta , 2. März 2016 um 23:19. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:27 Februar 2016
Ski Schwierigkeit: WS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: Alpstein   CH-SG   CH-AI 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 1650 m
Abstieg: 1825 m
Strecke:Wildhaus - Gamplüt - Fros - Tesel - Schnüer - Chreialp - Jöchliturm - Zwinglipass - Häderen - Fählensee - Bollenwees - Geisserhüttli - Sämtisersee - Plattenbödeli - Brüeltobel - Pfannenstiel - Brülisau
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Wildhaus, Dorf
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Brülisau, Kastenbahn
Kartennummer:LK 1115 Säntis (1:25.000)

Grossartige Skidurchquerung des "Schönsten Gebirges der Welt"!
 
Nun ist es also amtlich: Der gerade zu Ende gegangene Winter 2015/16 war der bisher zweitwärmste seit Messbeginn. Umso mehr freut es mich, dass es heuer endlich geklappt hat mit einer Tour, die seit langem ganz oben auf meiner Wunschliste stand! Eine Durchquerung des Alpsteingebirges entlang seiner Längsachse, von Wildhaus im Toggenburg nach Brülisau im Appenzell, ist ein Klassiker - im Sommer mit Wanderschuhen vielfach begangen, im Winter mit Ski jedoch angesichts der fortschreitenden Klimaerwärmung immer seltener durchführbar. Hinzu kommt, dass in einem der niederschlagsreichsten Gebiete der Schweiz die Wetter- und Lawinenverhältnisse selten passen und der Alpstein aufgrund seiner Topographie nicht gerade viele Skirouten bereit hält, welche gefahrlos begangen werden können. Seitdem ich vor Jahren bei einer Schneeschuhtour über den Chreialpfirst schöne Spuren in der Nordostflanke von Girenspitz und Moor gesehen hatte, war klar, dass ich bei einer allfälligen Alpsteintraverse mit Ski den Abstecher auf´s Jöchli (2335 m) einbauen würde - ein Aussichtsgipfel par excellence inmitten einer alpinen und im Winter völlig einsamen Umgebung!
 
Erstaunlicherweise wird das Jöchli trotz seiner Nähe zur Zwinglipasshütte im Winter kaum begangen, was wohl an den etwas mühsamen Zustiegen liegt. Auch die Rückführung in die Zivilisation ist nicht ganz so bequem: Sie erfolgt entweder über ausgesprochen alpines und im Winter unter Umständen gefährliches Gelände (Chreialp-Schnüer oder Wildhuser Schafboden) oder aber über sehr lange und skifahrerisch nur teilweise lohnende Routen (Chreialpfirst-Mutschensattel-Tesel-Gamplüt oder Zwinglipass-Häderen-Fählensee-Sämtis-Plattenbödeli-Brülisau).    
 
Wer kennt es nicht: Fieberhaft überlegt man am Freitagabend, wo am Wochenende die besten Verhältnisse für eine Skitour herrschen könnten. Wo hat es am meisten Neuschnee gegeben? Wo scheint die Sonne am längsten? Wo hat es am wenigsten Leute? Allein schon nach diesen Auswahlkriterien lag der Alpstein als Tourenziel diesmal klar vorn - hinzu kommt, dass das "Schönste Gebirge der Welt" ohnehin immer eine besondere Anziehungskraft auf mich ausübt! :-)
 
Noch auf der Fahrt ins Toggenburg liessen wir offen, wohin wir nach dem südseitigen Aufstieg ins Gebiet um die Zwinglipasshütte später abfahren werden. Wir wollen dies situativ entscheiden - genau diese Freiheit liebe ich an Touren mit dem öV! Die anfängliche Skepsis angesichts der in Talnähe teilweise aperen Hänge und der doch etwas dünnen Schneedecke in Wildhaus (1096 m) ist schnell verflogen, als wir bereits am Beginn der Ski- und Schlittelpiste nach Gamplüt auf einer Höhe von ca. 1140 m die Skier anschnallen können. Wir folgen einer frischen Spur zweier Tourengänger hinauf zu den Haghütten und von dort auf den schönen Aussichtshügel bei der Alp Fros (1440 m). Während die dünne Neuschneedecke hier vom Vortag bereits einen leichten Deckel aufweist, gleiten wir anschliessend in der kurzen Fellabfahrt ins schattige Teseltal durch seidenfeinen Pulverschnee. Nun fühlen wir uns in der Auswahl unseres Tourenziels endgültig bestätigt und können es kaum erwarten, den tief verschneiten Kessel zwischen Moor-Girenspitz und Altmann zu erreichen. Zuvor gilt es aber, die Steilstufe von der Alp Tesel durch die Schnüer zur Chreialp (1817 m) zu bewältigen - die Schlüsselstelle der gesamten Tour, die bei sehr ungünstigen Bedingungen ein unüberwindliches Hindernis darstellen kann! Heute präsentiert sich diese von Felsbändern durchsetzte Steilstufe dank der geringen Schneemenge ungewohnt zahm. Dem breiten Trassee des in die Steilflanke gehauenen Alpwegs folgend, können wir bis auf wenige Meter durchgehend und bequem auf Ski aufsteigen. Trotz der guten Verhältnisse sind wir nun auch völlig allein unterwegs - sämtliche Mitstreiter, welche sich an der Alp Tesel vor oder hinter uns befunden haben, ziehen unbeirrt weiter durch das schattige Tal hinauf Richtung Mutschensattel.
 
Im oberen Teil des Zick-Zack-Weges zur Chreialp treten wir ins gleissende Licht der doch schon gut wärmenden Frühjahrssonne. Beim Anblick der Alpstein-Toblerone strahlen wir mit der Sonne um die Wette: Herrlicher Pulverschnee und stahlblauer Himmel - die Verhältnisse könnten nicht besser sein! Während unser einzelner Vorspurer Richtung Zwinglipasshütte hinaufspurt, zweigen wir in der Karstebene der Scheren auf einer Höhe von gut 1900 m nach Westen ab. Die riesigen Karstmulden einigermassen geschickt umgehend, gelangen wir über eine steilere Stufe in die nächste Geländekammer zwischen Girenspitz und Moor. "Schon eine wilde Ecke im Winter" stellt mein Tourenpartner lapidar fest - ich kann ihm nur beipflichten, fast ehrfürchtig blicken wir entlang der abweisenden Wände hinauf zum berüchtigten "Geier". Verstärkt wird der Eindruck dadurch, dass die gesamte Arena um uns herum völlig einsam und unberührt dasteht. Was für ein Unterschied zum Sommer!
 
Nach ca. 3,5 h haben wir den Sattel westlich des Moor-Nordgipfel(chen)s P. 2331 erreicht und sind überwältigt von der fantastischen Aussicht, die wir nun nach allen Seiten haben. Jetzt sind es nur noch wenige Meter hinauf zum Gipfel P. 2335, welcher auf der LK unsinnigerweise als "Jöchli" bezeichnet wird, obwohl dieser Name für den eben erwähnten Sattel passender wäre. Bei den Einheimischen hat sich daher schon seit langem der Name "Jöchliturm" durchgesetzt. Auf dem gut eingeschneiten Gipfelkamm steigen wir mit den Ski noch bis knapp unter den Gipfelkopf. Die letzten Meter erscheinen wegen einer Wächte auf der einen und abgeblasenen, felsigen Partien auf der anderen Seite besser zu Fuss zu bewältigen.
 
Oben ist vom angekündigten Föhnwind noch immer wenig zu spüren, so dass wir das herrliche Panorama und den kaum mit Worten zu beschreibenden Anblick der nahen Alpsteinzacken in aller Ruhe geniessen können. Im komfortabel aufbewahrten Gipfelbuch tragen wir uns als Erste (!) in diesem Jahr ein - sowieso dürfte das Jöchli im Schnitt kaum mehr als 1-2 Begehungen pro Jahr mit Ski verzeichnen…
 
Bevor der Wind auffrischt, steigen wir vom Gipfel ab und rüsten für die Abfahrt um. Nach einer kurzen Traverse entlang des Gipfelkamms schieben wir hinüber ans östliche Ende des Jöchli-Sattels. Von dort queren wir in die herrlich pulvrigen Traumhänge unter dem Moor-Nordgipfel, wo wir in einer stiebenden Abfahrt entlang der Nordostwände von Moor und Girenspitz bis in die Karstebene auf ca. 1950 m hinunterrauschen. Die Steilheit beträgt in einem kurzen Abschnitt mehr als 35 Grad, ansonsten meist zwischen 30 und 35 Grad - für mich eindeutig die schönste (leichte) Abfahrt im Alpstein, auch oder gerade wegen der besonderen landschaftlichen Eindrücke!
 
Für die gut 70 Hm zum Zwinglipass (2011 m) fellen wir erneut an - evtl. hätte man auch vom Jöchli in einem Bogen höhehaltend den Pass ohne Anfellen erreichen können, dann hätte man sich aber komplett um den ganzen Abfahrtsspass gebracht!
 
Am Zwinglipass treffen wir zum zweiten Mal an diesem Tag auf die Spuren unseres Tourengängers vom Vormittag - irgendwie scheint es, als würden wir ihn verfolgen…(tatsächlich haben wir ihn dann zum Schluss kurz vor Brülisau auch noch getroffen!)
 
Auch diese zweite Abfahrt hinunter zum Fählensee (1452 m) ist sehr schön zu fahren - bis zur Alp Häderen (1738 m) wiederum in feinstem Pulver, weiter unten spürt man in den wind- und sonnenexponierten Passagen einen leichten Deckel, die Ski lassen sich jedoch noch immer gut drehen. Mit Schwung gleiten wir zur verlassenen Fählenalp (1457 m). Auch auf dem zugefrorenen Fählensee liegen gut 20 cm Neuschnee, so dass wir ohne Bedenken gefahrlos über die Seefläche laufen können. Schon ein spezielles und einmaliges Erlebnis! Am nördlichen Seeende fellen wir dann zum dritten Mal wieder an und gehen um das (verschlossene) GasthausBollenwees herum bis zu den Geisserhütten (1483 m). Bei nun starkem Föhnwind machen wir uns dort für die Abfahrt zum Sämtisersee (1209 m) parat: Trotz einiger aperer Stellen an den windexponierten Flächen um die Alphütten ist die Schneelage noch immer erstaunlich gut. In den schattigen Passagen durch den Rhodwald treffen wir gar feinsten Pulverschnee an!
 
Leider wird das fröhliche Abfahrtsvergnügen vom allseits bekannten Gegenanstieg zum Plattenbödeli (1279 m) jäh unterbrochen. Anstatt noch einmal umständlich anzufellen (und an den aperen Passagen immer wieder abzuschnallen) entscheiden wir uns kurzerhand, die Ski aufzubinden und die 70 Hm zu Fuss hoch zu latschen. Da sich das Zeitfenster meines Tourenpartners langsam dem Ende zuneigt, verzichten wir oben auf eine Einkehr im wochenends geöffneten Gasthaus und stürzen uns unverzüglich in die Abfahrt auf dem (überraschend gut eingeschneiten und als Winterwanderweg präparierten) Fahrweg durch das Brüeltobel. Diese Abfahrt ist zwar über weite Strecken -nicht zuletzt auch wegen ständig drohendem Gegenverkehr- alles andere als gemütlich, doch nach dem Motto "lieber schlecht gefahren als lang gelaufen" schnallen wir die Ski erst vor dem letzten Steilabsatz auf gut 1000 m endgültig ab - wenn ich mir jetzt meine Skibeläge so anschaue, hätte ich dies besser schon 100 Hm weiter oben getan… ;-)
 
Nach einem viertelstündigen Fussmarsch erreichen wir die Bushaltestelle cff logo Brülisau, Kastenbahn (922 m) gerade rechtzeitg für das Postauto um 16.15 Uhr.
 
Fazit:
 
Die Durchquerung des Alpsteins von Wildhaus nach Brülisau auf Ski war für mich ein eindrückliches und besonderes Erlebnis. Aus skifahrerischer Sicht ist sicher die Abfahrt vom Jöchli das Highlight, doch auch die Abfahrt vom Zwinglipass zum Fählensee ist trotz einiger flacherer Passagen durchaus lohnend. Mit mehr als 1600 Aufstiegshöhenmetern und einer Horizontaldistanz von ca. 20 km ist die Traverse eine längere, konditionell durchaus fordernde Unternehmung. Im Übrigen hat sich wieder einmal gezeigt, dass der Alpstein im Winter auch bei solch guten Verhältnissen alles andere als überbevölkert ist!

Tourengänger: marmotta, Becks


Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentare (6)


Kommentar hinzufügen

Alpin_Rise hat gesagt: Das Murmeltier ist erwacht,
Gesendet am 3. März 2016 um 00:04
mitten im Winter - und es hat sich gelohnt!
Schöne Tourenidee und wundervolle Impressionen ausm Lieblingsgebirg', vielen Dank fürs teilen.

G, Rise

marmotta hat gesagt: RE:Das Murmeltier ist erwacht,
Gesendet am 3. März 2016 um 20:09
Ja, bei solch prächtigen Verhältnissen wird auch das schläfrigste Murmeltier wach! :-)

Im Ernst: Tourenmässig bin ich praktisch jedes Wochenende unterwegs, nur beim Schreiben von Berichten klemmt´s... aber eine Tour in unserem Lieblingsgebirge hat einfach einen (ausführlichen) Bericht verdient!

G.
marmotta

Felix Pro hat gesagt:
Gesendet am 3. März 2016 um 13:58
exzellent - Gratulation!

lg Felix

marmotta hat gesagt: RE:
Gesendet am 3. März 2016 um 20:10
Danke, Felix!

G.
marmotta

Bergamotte Pro hat gesagt:
Gesendet am 4. März 2016 um 09:04
Bravo, schön getourt, genau meine Wellenlänge! Hab ein ganz ähnliches Projekt in petto und warte nun seit Wochen auf gute Verhältnisse.

marmotta hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. März 2016 um 18:35
Danke! Ich dachte mir schon, dass Dir diese Tour gefallen wird - schliesslich haben wir eine ähnliche "Touren-Speisekarte"... :-)

Jetzt hat es ja wieder viel Neuschnee bis in die Tallagen gegeben - und irgendwann wird sich auch wieder die Sonne zeigen, so dass es hoffentlich noch klappt mit Deinem Projekt!

G.
marmotta


Kommentar hinzufügen»