Höfats-Nordgrat und Travers


Publiziert von quacamozza , 21. Oktober 2015 um 15:15.

Region: Welt » Deutschland » Alpen » Allgäuer Alpen
Tour Datum:12 Oktober 2015
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: IV (UIAA-Skala)
Mountainbike Schwierigkeit: L - Leicht fahrbar
Wegpunkte:
Geo-Tags: D 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 1720 m
Strecke:Oberstdorf P Oybele-Oytalhaus-Lugenalpen-Hüttenkopf-Gieselerwand-Höfats-Älpelesattel-Käseralpe-Oytalhaus-Oberstdorf P Oybele (25 km)
Kartennummer:AV-Karte Bayerische Alpen BY 4 1:25 000 Allgäuer Hochalpen Hochvogel, Krottenkopf

Es ist mit einiger Wahrscheinlichkeit die vorerst letzte Gelegenheit, größere Sommerbergtouren durchzuführen. Heute also nochmal ein sogenannter "Heafatz-Tag". Da gibt es nichts Geileres, als dem schönsten Berg des Allgäus einen weiteren Besuch abzustatten.

Die Route über den Rauhenhalsgrat und den Nordgrat des Westgipfels war früher eine bekannte Tour. Die Gebrüder Enzensperger wählten sie im Jahre 1893. Es gibt einen sehr interessanten, historischen Bericht ("Die Überschreitung der Höfats" von und mit Josef Enzensperger ) aus dem Buch "Ein Bergsteigerleben", 1924. Heute dagegen ist der Aufstieg fast in Vergessenheit geraten. Eine Tourenbeschreibung neueren Datums existiert nicht.

Der Zustieg zum Rauhenhalsgrat und das Flanieren oben auf den grünen, einsamen Kuppen ist ein wunderbares Erlebnis, aber der lange Zustieg und vor allem das, was einen auf den letzten 165 Höhenmetern erwartet, nämlich brüchige, sehr steile Schrofenkletterei, die extrem schlecht abzusichern ist...das ist nicht ungefährlich und heute nicht mehr das, was die Bergsteiger hinterm Ofen vorlockt. So halten sich denn auch die Begehungen per anno in überschaubaren Grenzen. Trotzdem ist die Höfats-Überschreitung vom Rauhenhalsgrat nach wie vor eine Tour, die, so Enzensperger, "wie keine andere Route einen genauen Einblick in die Formation und das innerste Wesen dieses außergewöhnlich interessanten Berges gibt".



Zur Schwierigkeit:

Hüttenkopf: T 4-5 (eine Stelle), meist T 3 
Rauhenhalsgrat: T 3-4
Höfats-Nordgrat: IV (am Beginn der zweiten Seillänge, dann III; brüchig), auf dem Grat II und T 6 (Umgehung T 6), unten extremes Steilgrasgelände, eine T-Bewertung wird diesem Gelände nicht gerecht
Travers: II-III (einige Stellen), meist I-II und Gehgelände T 6
Ostgipfel-Normalweg: eine Stelle II und Gehgelände bis T 5, von oben nach unten leichter werdend


Zum Zeitbedarf:

Oberstdorf-Oytalhaus: 25-30 min radeln
Oytalhaus-Obere Lugenalpe: 1 Std
Obere Lugenalpe-Hüttenkopf: 45 min
Hüttenkopf-Einstieg Nordgrat: 1 Std
Nordgrat bis Westgipfel: 1 Std 50 min
Travers bis Ostgipfel: 30-60 min
Ostgipfel-Älpelesattel: 45 min
Älpelesattel-Käseralpe: 20 min
Käseralpe-Oytalhaus: 50 min
Oytalhaus-Oberstdorf: 10-15 min radeln


Zur Ausrüstung:

50-Meter-Seil, Pickel, Helm, Kletterausrüstung




Mit dem Radl geht's von der Talstation der Nebelhornbahn entweder auf der Straße an der Schattenbergschanze vorbei oder auf dem direkten Weg in zwei Kehren zum Kühberg. Weniger anstrengend hinein ins Oytal. Nach genau 5 Kilometern Radldepot am Oytalhaus (1006m).

Auf dem zunächst sehr steilen Wanderweg gewinnen wir schnell an Höhe. Die Untere Lugenalpe (1416m) wird links liegengelassen. An der Oberen Lugenalpe (1567m; im Sommer bewirtschaftet) verlassen wir den Wanderweg und steigen über gut sichtbare Spuren links aufwärts. Ziel ist die Lücke südlich des Hüttenkopfs. Die Spuren enden zwar nach 100 Höhenmetern. Das Gras und Geröll bereitet aber bis knapp unterhalb der Lücke für Trittsichere keinerlei Probleme. Dann steilt es plötzlich auf. Auf der rechten Seite unter dem Hüttenkopf ist das Gelände noch am besten gangbar. 

Aus der Lücke umgehen wir die Latschenzone in der Südseite und besteigen den Gipfel des Hüttenkopfs (1949m) über den oberen Westgrat. Vom Hüttenkopf hat man bereits einen tollen Blick auf die Oberallgäuer Gipfel sowohl ins Alpenvorland. Hier muss man einfach länger verweilen.
Im Abstieg kämpfen wir uns durch eine Grasrinne und einige Latschen direkt Richtung Lücke durch.


Der untere Teil des Rauhenhalsgrates ist bekanntermaßen eher durch Latschenkampf als durch wirklich lohnende Abschnitte geprägt. In der anderen Richtung wartet dagegen der schönste Teil des Rauhenhalsgrates, die Wanderung über die kleinen, grünen Aufschwünge der Gieselerwand (2020m). Dabei werden drei Erhebungen überschritten. Schade, dass die Lichtverhältnisse keine vernünftigen Fotos von der Höfatsansicht zulassen. Der Anblick ist allerdings gigantisch. Hier oben geht es in der Regel ruhig zu. Die Wiesen laden zu einem ausgedehnten Zwischenstopp ein. Doch die Tage sind bereits kurz, und wir haben die anspruchsvollsten Teile der Tour noch vor uns.


Der Grasgrat führt mit einigem Auf und Ab weiter, bis er direkt am Fuße des Nordgrates endet (P.2093m). An dieser Stelle steigt der Grat senkrecht nach oben. Neben dem Grat rechts liegt ein steiler Grashang, weiter rechts davon eine Rinne, die die Bezeichnung "Sprungschanze" verdient, so glatt und steil fällt sie ab. Der Grashang wiederum endet unter überhängenden Felsen. Links ist der Fels auffallend rostbraun, auch senkrecht und macht den Anschein, sich bei jedem herzhaften Zupacken schleunigst in die Tiefe verabschieden zu wollen. Eine Sackgasse, wie es den Anschein hat. 

Schon nach der kurzen Querung und einigen Metern im Steilgras hat man das Gefühl extremer Ausgesetztheit und den Eindruck, in einer Nordwand zu klettern. Das dunkle Ambiente passt dazu ebenso wie unsere klammen Hände. Der Südwestgrat wär heute die sonnigere Alternative gewesen.

Mit dem Pickel geht es zumindest den 30 Meter hohen Grashang ganz gut rauf. Nach einer knappen Seillänge finden wir links hinter einem Vorsprung einen alten Haken. Alt heißt in dem Fall: wirklich alt. Taugt gerade noch als Standhaken, aber da richten wir lieber noch einen Fixpunkt zusätzlich ein. Von den drei weiteren Haken, an denen wir in der zweiten Seillänge vorbeikommen, sind zwei mutmaßlich okay. Einen weiteren könnte man mit bloßer Hand rausziehen.


Kurzer Einblick in die Riesenrutsche: Das soll laut AVF eine VI sein. Ich glaube, wer da hochklettert, muss schon von allen guten Geistern verlassen sein, zumindest als normaler Bergsteiger. Doch Moment...da hängen jede Menge weiße, dünne Seile runter. Welcher Art die sind, ist aus der Entfernung nicht zu identifizieren. Angeblich sollen sie von einem Ballon stammen. Zuerst denke ich noch, da haben sich vielleicht Gebirgsjäger vom Gipfel abgeseilt, aber das kann ja bei 150 Höhenmetern kaum sein.

Jetzt droht der alte AVF mit "30 Metern ohne Sicherungsstand". Da kommt beim Vorsteiger Freude auf. Die 30 Meter können wir locker mal auf genau 50 Seilmeter erhöhen. Gerade so reicht unser Seil. Wer nur 40 Meter mitnimmt, darf mitten im bröseligen Steilschrofengelände den Standplatz bauen.  


Die rote, tief eingeschnittene und enge Rinne (fast schon ein Kamin) neben dem Standplatz (im AVF falsch als "Riss" bezeichnet) ist auf jeden Fall sehr anspruchsvoll und liegt im IVer-Bereich. Ich versuche mein Glück an der linken Begrenzungswand, steige zuvor ein, zwei Schritte hinunter und quere oben wieder auf die andere Seite der Rinne. Das ist ganz passabel kletterbar, wenn nicht der viele Bruchfels und vor allem die kalten Pfoten nicht wären. Weiter geht es in nach wie vor wandartiger Kletterei höher, überhaupt nicht mein Ding. Ich komme gut höher, aber Plaisirklettern ist für mich was anderes. Nervig ist auch, dass man immer mal für ein, zwei Züge zwischendurch den Pickel braucht, dann stört er wieder, muss hintern Rücken...

Kurz bevor die Finger taub werden, geht es dann glücklicherweise wieder in weniger anspruchsvolles Gelände. Auf den eigentlichen Grat kommen wir aber erst weiter oben. Eine kleine Lücke mit Felszacken eignet sich gut als zweiter Standplatz.

Oben sieht man schon das GK des Westgipfels. Es ist gar nicht mehr so weit entfernt. Auf dem folgenden Gratabschnitt ist die Kletterei wieder sehr genussvoll. Einige IIer-Passagen wechseln ab mit 50 Grad steilem Gras. Trotzdem muss man immer mit ausbrechenden Steinen rechnen, so dass wir weiterhin vorsichtig klettern.

Alternativ könnte man vom Standplatz nach links über den gestuften Grashang (Variante des AVF).

Unter dem Westgipfel endet der Grat in kurzen, aber steilsten Graswänden. Eine Querung führt nach links (Trittspuren!) um eine kleine Kante, dann kommt eine weitere kurze Querung auf einem Grasband in die Lücke zwischen Zweitem Gipfel und Westgipfel. Schließlich geht's über den Normalweg auf den Westgipfel (2257m).


Der weitere Weg ist bestens bekannt und beschrieben. Auch heute wählen wir die Direktvariante über den Zweiten Gipfel (2259m). Diesmal bleiben wir sogar bis zum Schluss an der Gratkante. Die letzten Meter liegen bereits im III.Grad. Meistens wird am letzten Aufschwung nach rechts rüber gespreizt (II-III).

Die Verhältnisse in den Nordseiten sind jetzt am frühen Nachmittag wieder annehmbar. Die Kante zum Mittelgipfel ist ebenso gut zu klettern wie diejenige am Ostgipfel.


An eine Einkehr in der Käseralpe (1401m) haben wir zu der Jahreszeit gar nicht mehr gedacht, doch die Alpe ist noch geöffnet. So können wir schnell unseren Durst löschen und sogar etwas Käse mitnehmen.


Tourengänger: Stefan, Ulf









 

Tourengänger: quacamozza


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Kommentare (9)


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Tuppie hat gesagt:
Gesendet am 21. Oktober 2015 um 16:26
Hi Ulf,

da hätten wir uns ja wirklich glatt sehen müssen am 12. - wenn die Berge nur nicht so viel größer wären...
Tolle Bilder von der Höfats, den Hüttenkopf mach ich mal schon alleine wegen der geilen Sicht auf den Westgipfel.

Gruß
Thomas

quacamozza hat gesagt: RE:
Gesendet am 21. Oktober 2015 um 17:09
Hallo Thomas,

der Hüttenkopf ist wirklich ein schöner Aussichtsgipfel. Hätte ich vorher auch nicht gedacht.

Die Höfats aus der Distanz zu betrachten ist im Herbst immer was Besonderes, z.B. auch von den Kegelköpfen. Das hast Du ja am Schneck alles super fotografiert...

Lieben Gruß zurück
Ulf


Nik Brückner hat gesagt:
Gesendet am 21. Oktober 2015 um 19:10
Wunderbare, elegante und konsequente Tour, Ulf! Gratuliere!

Lieben Gruß,

Nik

quacamozza hat gesagt: RE:
Gesendet am 21. Oktober 2015 um 22:39
Hallo Nik,

danke für Deine Message. Von Norden ist's mal eine andere, auch sehr interessante Seite der Höfats...immer wieder ein hammergeiler Berg.

Travers nächstes Jahr?

Grüßle
Ulf

Nik Brückner hat gesagt: RE:
Gesendet am 22. Oktober 2015 um 10:08
Darauf kannst du deinen Arsch verwetten! Und dann hab ich noch ein paar Höfats-Ideen. Mal sehen. Und T6 im Alpstein, und Freispitze und und und! Hört das denn nie auf!!!!

Lieben Gruß,

Nik

Bene69 hat gesagt:
Gesendet am 21. Oktober 2015 um 21:17
Überragende Tour und Glückwunsch zum Nordgrat!
Grüsse vom Bene

quacamozza hat gesagt: RE:
Gesendet am 21. Oktober 2015 um 22:47
Hallo Bene,

danke auch Dir für Deine Nachricht.
Nächstes Jahr geht's 100 %ig wieder nauf.
Schaue mir auch gerne und oft die Bilder von Deiner Juli-Runde an.

Grüßle zurück
Ulf


Nic hat gesagt:
Gesendet am 21. Oktober 2015 um 21:43
Spektakuläre Tour und Bilder. Gatulation! Jetzt hast ja an der Höfats bald alle Grate durch oder? Ich beneide dich um deine Zeit. ;-)

Gruß Nico

quacamozza hat gesagt: RE:
Gesendet am 21. Oktober 2015 um 23:01
Hallo Nico,

es gäbe noch den Südostgrat am Ostgipfel mit dem komischen überhängenden Zacken. Der ist im alten AVF beschrieben, aber wohl mehr eine Platten- und Grasflankenkletterei. Scheint sehr selten begangen zu sein...

Dabei habe ich gar keine Zeit ;-)...aber an dem Montag musste es einfach sein. Raus aus dem Nebel. Hatte vorher aber nur wenig Zeit zum Ausruhen.
Du hast ja dieses Jahr viel mehr gemacht als ich. Bei mir ist der Nachholbedarf immer noch recht groß.

Grüßle
Ulf


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