Tag 48: Vom Rifugio Coca auf dem Sentiero Alto zum Rifugio Baroni


Publiziert von Nik Brückner , 17. Dezember 2015 um 23:58. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Italien » Lombardei
Tour Datum:26 Juni 2015
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: L
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Zeitbedarf: 6:30
Aufstieg: 1080 m
Strecke:5,5km

Im Sommer 2015 kamen Judith7 und ich auf einer Alpendurchquerung von Wien nach Monaco auch durch die Bergamasker Alpen (Alpi Orobie). Die zwölf Tage, die wir dort verbrachten, gehörten zu den faszinierendsten unserer Tour. Eine derart wilde, rauhe Schönheit hatte von den Landschaften, die wir in den 103 Tagen durchquerten, keine andere zu bieten. Deshalb wollen wir diese Tage hier ausführlich dokumentieren, weil die Gegend es wert ist, ein wenig bekannter zu sein.

Losging's am wunderbaren Rifugio Coca (1882m), zu dem wir am Vortag vom Rifugio Tagliaferri gekommen waren. Unser Ziel war das Bivacco Frattini - das wir allerdings an diesem Tag nicht mehr erreichen sollten...

Und das kam so:

Früh am Morgen verabschiedeten uns ein paar junge Steinböcke an der Hütte. Vermutlich hatte der Hüttenwirt Salz ausgestreut, um die Tiere anzulocken. Die Tiere lieben Salz!

Den Anstieg zum Lago di Coca bewältigten wir zusammen mit zusammen mit zwei netten Südtirolern, die wir am Abend zuvor kennengelernt hatten. Wir unterhielten uns ein Weilchen, dann gingen mal sie, mal wir vor, bis wir uns am Lago di Coca (2170m) schließlich verabschiedeten. Die Burschen wollten auf die Coca, wir links hinauf Richtung Rifugio Baroni al Brunone. Es hatte noch viel Schnee, und die beiden waren sich nicht sicher, ob ihre Tour überhaupt möglich war. Wir waren da für unsere Route zuversichtlicher.

Hr hr.

Nach dem See, der in einem engen, dunklen Eck voller Felsblöcke liegt, geht es einen steilen Anstieg hinauf zu einer Rippe, und dann hinein in eine Felsrinne. Spätestens ab hier (mit Unterbrechungen bis Ol Simal) ist's dann Kraxelgelände (ab hier I, T4(+)), hier und da dürftig mit Ketten gesichert. Die orobischen Wege sind nicht zimperlich.

Am Ende der Rinne wartet eine Scharte, auf deren anderer Seite es steil und ausgesetzt ein paar Meter hinuntergeht. Unten angekommen, wird in der Folge eine riesige, steile Felswand gequert. Der Weg ist kein Weg, sondern lediglich eine markierte Route durch diese Wand. Immer ist es kraxelig und ausgesetzt, man muss durchwegs aufpassen, und nur passagenweise ist die Route mit Ketten gesichert, die uns erst nach und nach Vertrauen einflößen. Eigentlich ist das ganze ein Klettersteig. Herrlich - eigentlich ein sehr vergnügliches Gelände, aber mit 17 Kilo auf dem Rücken...

Man quert nun weiter in der Wand schräg nach oben, dabei geht es immer wieder über Scharten in schmalen Felsrippen. Am Ende geht es rauf, rauf, rauf, teils ziemlich bröselig, und nach einer weiteren Scharte steht man endlich kurz auf waagrechtem Boden: unterhalb eines Kessels südlich des Pizzo di Retorta.

Dort erwarteten uns drei Steinböcke - immerhin eine kleine Entschädigung für all die Mühen. Doch es sollte wild weitergehen: Viel Schnee lag in dem Kessel und in der Querung davor. Würde er halten? Wenn der Schnee weich wäre, würde das ein ziemliches Gewühle werden.

Der Schnee hielt, und wir waren froh, endlich leichter voranzukommen als zuvor in der steilen Felswand. Doch die Aufregungen folgten Schlag auf Schlag: Im Kessel angekommen versuchten wir, in Foppolo anzurufen, um ein Hotel für unseren Pausentag zu reservieren - da rollte ein steinbockgroßer Stein in Indiana-Jones-Manier auf uns zu, der mittlerweile in Erzählungen Cinquecentrogröße erreicht hat und von Mal zu Mal weiter wächst. Wir suchten flugs Schutz unter einem großen Brocken, der glücklicherweise nur ein paar Meter weit weg war (ich hab noch nie jemanden mit 17 Kilo auf dem Rücken so springen sehen wie Judith) - aber der Stein blieb 25, 30 Meter vor uns liegen.

Puh!

Bloß weg hier! Links geht es eine steile Rinne zum Colletto di Simal hinauf, eigentlich kein Problem, aber zu der Zeit war sie noch tief verschneit. Zwar gab es Ketten, die waren aber oft tief unterm Schnee versteckt. Erst im oberen Teil kamen sie zum Vorschein. Wir mussten daher vorsichtig im Schnee steigen, bis man recht mal in den Fels komnnte. Der wiederum war teils brüchig... Anstrengend also - und wir kamen wieder nur langsam voran.

Als wir endlich mit viel Mühe den Ol Simal (2712m), den höchsten Punkt der Höhenwegs, erreicht hatten, haben wir erst einmal eine Pause eingelegt. Denn schnell wurde klar: Es würde nicht besser werden. Jenseits des Jochs gab es nur noch viel mehr Schnee. Und so überquerten wir weitere, glücklicherweise harte und etwas flachere Altschneefelder.

Dabei wurde der Weg immer länger und länger: Auf ein Kar folgte immer noch ein Kar -  die Landschaft hier ist sehr anders als auf der erneut katastrophalen Kompasskarte. Dann endlich hatten wir ein letztes Joch erreicht, von dem aus das Rifugio Baroni al Brunone zu sehen war, in dem wir eigentlich Mittagspause machen wollten. Doch bis dorthin erwartete uns noch ein äußerst steiler Abstieg über beinharten Schnee. Wir stiegen äußerst vorsichtig ab, immer kurz davor, uns umzudrehen und rückwärts zu gehen, und brauchten Viertelstunden für ein paar Meter. Sicherheit geht einfach vor Schnelligkeit.

Erst im unteren Teil konnte man sicher abfahren und dann war's auch nicht mehr weit zum Rifugio Baroni al Brunone (2288m), wo uns als erstes wieder Steinböcke in Empfang nahmen. Wir diskutierten kurz, ob wir weitergehen sollten, dann entschieden wir uns, die geplante Pause doch zu machen. Nach sieben Stunden Gehzeit, die wir für den Vierstünder gebraucht hatten, die einzig richtige Entscheidung.

Wir hatten wohl vor allem wegen der schwierigen Bedingungen, teils aber auch wegen der äußerst italienisch-testosteronig ausgeschilderten Route so lange gebraucht. Man sollte hier auch bei sommerlichen Bedingungen eher mehr Zeit einplanen als angegeben.

Die einzig richtige Entscheidung! Denn drinnen war der Empfang mehr als herzlich! Bei einer fantastischen Brotzeitplatte wurden wir ausführlich über den Zustand der Route interviewt, weil wir die ersten waren, die in dieser Saison über die Via alta vom Rifugio Coca gekommen waren. Dabei kam heraus, dass wir von Wien nach Monaco unterwegs waren - und damit waren wir adoptiert! Zur Brotzeit wurden wir kurzerhand eingeladen, aber das tollste war: Wir durften die Waschmaschine benutzen! Der Jubel war groß! Wir wollten ja eigentlich zum Bivacco weiter, aber nach einem derart herzlichen Empfang entschieden wir uns, bei Marco, Raquella und Erica zu bleiben.

Am späten Nachmittag gab es dann noch kurz Aufregung: Die beiden Südtiroler waren eigentlich für's Rifugio Baroni al Brunone angesagt, kamen aber nicht. Hüttenwirt Marco machte sich Sorgen, umso mehr als die beiden auch im Rifugio Coca nicht mehr erschienen, und hielt immer wieder Ausschau mit dem Fernglas. Wir sprachen sogar kurz darüber, die Route zum Coca ein Stück abzusuchen, als irgendwann dann doch die Nachricht kam, dass die beiden ins Tal abgestiegen waren. Und so wurde es dann noch ein wundervoller entspannter Abend, mit tollem Essen und Gesprächen mit einem jungen Paar aus Tschechien, dem Hüttenteam und einem Geologen, der mit einem Freund zu Forschungszwecken in der Gegend war. Besser kann ein Tag kaum ausklingen.

Tourengänger: Nik Brückner, Judith7


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